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Wilhelm Killmayer

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Wilhelm Killmayer
Wilhelm Killmayer

geb. München, 21. August 1927 – gest. Starnberg, 20. August 2017

„Die Ruhe enthält bereits die Katastrophe in sich. Aus der Ruhe wächst die Bewegung, die sich selbst bis an den äußersten Punkt ihrer Kraft treibt, an dem sie dann zusammenfällt.“ Derart polar beschreibt Killmayer die Situation seines eigenen Komponierens. So disparat jedoch die Momente seines musikalischen Denkens erscheinen, so stark sind sie auf einer subkutanen Ebene miteinander verbunden. Aus Ruhe entsteht Bewegung, aus Konsistenz Zerfall, aus Disparatem kondensiert sich jedoch auch Organisches. Was subkutane Verbindungen sind, sind gleichzeitig aber auch elementare musikalische Vorstellungen: das Zusammenfügen, Auseinanderfließen, Sichzerfasern, das Punktuelle, das Erstarrte der musikalischen Elemente. Analytisch lässt sich dies dingfest machen in Gegensätzen von nahezu schmerzhaften Ostinati und melodischen Liquidationsprozessen, dem Ausschwingen musikalischer Konsistenz in unendlich gedehnte Zeiträume.

Die Orchesterwerke Killmayers, seine drei Symphonien, seine programmatischen Werke, die als Essay symphonique oder auch Poèmes symphoniques bezeichnet sind, aber auch seine Werke für Streichorchester und Instrumentalkonzerte spiegeln jenes komplexe Gegeneinander konträrer Tendenzen wider. So komplex jedoch der Hintergrund von Killmayers Zeitstrukturen gestaltet ist, so direkt eingängig ist seine Musik (ohne somit im Entferntesten simpel zu sein), etwa in Werken wie Verschüttete Zeichen oder Überstehen und Hoffen. Seine Abneigung gegen reines Material- und Strukturdenken, der humanistische Appell seiner Musik, aber auch die Radikalisierung des subjektiven Ausdrucks ließen Killmayer unmittelbar in die Nähe der jüngsten Komponistengeneration rücken. Für viele dieser Komponisten ist er geradezu eine Identifikationsfigur geworden.

In der Ästhetik des späten Killmayer setzt sich die Tendenz zur bewussten Einfachheit immer stärker durch. Schon 1987 formulierte der Komponist in der Süddeutschen Zeitung seinen Wunsch nach einer „Musik, die nicht ständig brüllt, schwitzt, bekennt, wehklagt, sondern unauffällig ist“. Zehn Jahre später erklärte er in einem Interview, dass im Sinne der angestrebten „Fasslichkeit“ und „Genauigkeit“ für ihn „in letzter Zeit die Verringerung des Tonumfangs beflügelnd“ wirke. In seinen betont antivirtuosen Douze études transcendentales für Klavier (1991/92) kam Killmayer in der Tat mit sieben Tönen aus und beschränkte sich weitgehend auf eine zweistimmige Faktur. Zwischen 1982 und 1991 entstanden die drei Hölderlin-Zyklen nach Gedichten aus Hölderlins Spätzeit im Tübinger Turm. Auch diese Orchesterlieder zeichnen sich durch tonales Melos, kunstvolle Schlichtheit und verstörende Direktheit in der Umsetzung der assoziativ-naiven Gedankenwelt des geistig umnachteten Poeten aus. Über sein an romantische Vorbilder anknüpfendes, 37 Lieder umfassendes Heine-Porträt (1994/95) urteilte Wolfgang Schreiber in seiner Uraufführungskritik: „Wilhelm Killmayers aussparende, oft sehr leise oder einsilbige, eigentlich durchgehend beklemmende und Heines lyrischen Spagat auf jeden Fall faszinierend durchsichtig machende Vertonungen, sie beeindrucken uns.“

Lothar Mattner

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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