Cookies und soziale Netzwerke erleichtern die Bereitstellung dieser Webseite. Mit der Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit dem Einsatz dieser Technologien einverstanden.
Weitere Informationen
Maurice Ravel

Boléro

Dudamel, Wiener Philharmoniker, 2010
Zurück

Ravels Konzeptstück in einer seiner besseren Aufnahmen. Aber, liebe Wiener, bitte: Schaut auf eure Quote.

mhhkGyJ092E
  • Maurice Ravel
  • Wiener Philharmoniker
  • Gustavo Dudamel
  • Kultur- und Kongresszentrum Luzern
  • 18.09.2010
Gehe zu
Boléro
  • Maurice Ravel
  • Wiener Philharmoniker
  • Gustavo Dudamel
  • Kultur- und Kongresszentrum Luzern
  • 18.09.2010
t1 Konzertführer
Maurice Ravel
Boléro (1928)

Ravels Boléro, heute eines der meistgespielten Stücke des Konzertrepertoires, war zunächst als Ballettmusik konzipiert worden. Seine Entstehung hat es dem ungewöhnlichen Umstand zu verdanken, dass die Erben Isaac Albéniz‘ die Bearbeitungsrechte an dessen Werken ausschließlich dem Komponisten Enrique Fernández Arbós zusprachen. So konnte Ravel seinen ursprünglichen Plan, für ein von der berühmten Tänzerin lda Rubinstein bei ihm in Auftrag gegebenes Ballettprojekt lediglich einige Stücke aus Albéniz‘ Klaviersuite lberia zu instrumentieren, nicht verwirklichen und sah sich kurzfristig gezwungen, „ein eigenes Thema zu orchestrieren“. Es entstand ein im Titel wie in der Idee Albéniz‘ und der spanischen Musik – die Ravel besonders schätzte – verpflichtetes Werk, das man durchaus als Instrumentationsstudie über ein eigenes iberisches Thema bezeichnen könnte. Unter Walther Strarams Leitung ging dann das von Bronislava Nijinska für „eine Tänzerin“ (La Danseuse), nämlich die Rubinstein, und zwanzig Tänzer eingerichtete Ballett am 11. November 1928 über die Bühne der Pariser Oper – zusammen mit der ersten Ballettversion von La Valse. Der Boléro ist bis heute Ravels populärstes Werk geblieben, Ravel selbst war dieser Ruhm ein wenig unheimlich. So soll er einmal zu Honegger gesagt haben: „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Boléro, leider enthält er keine Musik.“

Und strenggenommen verstößt dieses „Experiment“, wie Ravel es einmal nannte, in seiner Monotonie und Monomanie, seiner Starrheit, unerbittlichen Mechanik und einzigartigen Gleichförmigkeit tatsächlich gegen alle Errungenschaften der europäisch-abendländischen Kunstmusik, insbesondere gegen ihr mehrstimmig-kontrapunktisches Wesen, und dennoch verwirklicht es in radikaler Einseitigkeit das jeder Musik zugrunde liegende Prinzip der Variation, das sich hier nur auf eine Dimension, die Klangfarbe, bezieht. Die formale Gliederung ist klar und einfach: Über einem ostinaten zweitaktigen Boléro-Rhythmus und einer in Vierteln voranschreitenden Einfachst-Bass-Formel entfalten sich zwei ähnliche sechzehntaktige Melodieabschnitte nach dem Schema AABB. Vom Beginn des Stücks an wechselt die Melodie (später auch der Boléro-Rhythmus) mit jedem neuen Abschnitt ihre Klangfarbe. Zunächst wird sie von verschiedenen Holzbläsern, vom achten Abschnitt an in immer größeren Mixturen, vorgetragen, wobei mit Ausnahme der tiefsten Instrumente jedes Instrument des umfangreichen Orchesterapparats mindestens einmal für die Melodieführung verwendet wird. 328 Takte lang, bis das riesige Orchestercrescendo seinen Höhepunkt erreicht, wird dieses variative Prinzip beibehalten, dann ‚springt‘ der Satz unversehens aus seiner Grundtonart C-dur und moduliert nach E-dur, wie ein Eisenbahnzug, der infolge zu schneller Fahrt entgleist. Nur durch diesen Tonartenwechsel kann das „Perpetuum mobile“, so Vladimir Jankélévitch, „zu seinem Ende kommen; sonst würde der Boléro immer wieder mechanisch aus sich selbst entstehen und bis zum Ende aller Zeiten fortkreisen“.

Im Boléro durchdringen sich die Triebkräfte der Musik Ravels in einzigartiger Weise. Mechanische, maschinenhafte Motorik, Automatenmusik, verschmilzt im Boléro mit ungebändigten Naturkräften, mit jenen manischen, triebhaften Energien, die auch in La Valse oder Daphnis et Chloé zur Entladung drängen. Dass der Siedepunkt mit mathematischer Genauigkeit, mit der Präzision eines Uhrwerks, erreicht wird, verrät den kühlen Kopf des Feinmechanikers Ravel. Am Schluss wird die aus den Fugen geratene Maschinerie einfach abgestellt: „Organische Wesen verlöschen stufenweise“, schreibt Jankélévitch, „aber Automaten stehen mit einem Mal still.“ Mit einer einzigen, synkopisch eingeschobenen Subdominante werden die gewaltigen Energien des wieder nach C-dur ‚zurückgefallenen‘ Satzes abgebremst: Ravel, im weißen Kittel eines Ingenieurs, dem die Kontrolle über seinen Apparat zu entgleiten droht, zieht kurzerhand den Stecker aus der Wand.
Attila Csampai

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
300+ ausgewählte Videos
Konzertführer
5 Geschichten pro Monat
Keine Werbung
CD-Empfehlungen