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Antonín Dvořák

Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88, "Die Englische"

Nézet-Séguin, Rotterdam Philharmonisch Orkest, 2016
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Dvoráks Kniff, die langsame Einleitung thematisch zu machen und ihr kein eigenes Tempo zu geben, wird von Nézet-Séguin schlicht ignoriert. Aber indem er sie zerpflückt, nimmt er ihr auch ein Stück langweiliger Vorbestimmtheit.

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  • I. Allegro con brio
  • II. Adagio
  • III. Allegretto grazioso
  • IV. Allegro ma non troppo
t1 Konzertführer
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 8 G-dur op. 88

Bewunderer von Brahms, als dessen Gefolgsmann Dvořák in seiner Siebten erscheinen muss, haben in dem folgenden Werk einen Rückschritt erkennen wollen. Sehr zu Unrecht! Markiert die G-dur-Symphonie zwar einerseits eine Abwendung von der streng gearbeiteten und zugleich kosmopolitisch orientierten Art des vorhergehenden Werkes, so zeigt sie den Autor erstmals völlig frei von äußeren wie inneren Prätentionen, die seine Phantasie hätten lenken oder gar einengen können. Die ‚nationale‘ Komponente von Dvořáks Schaffen, die in der d-moll-Symphonie so stark zurückgedrängt war, erscheint hier auf einer anderen, höheren Ebene: Eigenarten der Volksmusik – in der fünften und sechsten Symphonie noch regelrecht ‚greifbar‘ – sind vollkommen verinnerlicht, durchdringen die Substanz des Werkes als eine nicht mehr isolierbare tiefere Schicht seines Wesens. Die gestalterische Seite offenbart, dass der Komponist sich auch mit dem hohen Niveau des in der Siebten Erreichten nicht zufriedengab; nur äußerlich hält er sich an die überkommenen Schemata der Sätze, die in ihrer inneren Organisation höchst individuelle Anlage haben. Das verrät schon das in g-moll den Kopfsatz eröffnende ‚Motto‘, dem im Satzverlauf gliedernde Funktion zukommt. Das Adagio verbindet Elemente der Lied- und der Sonatenform, der dritte Satz ist ein stilisierter Walzer in g-moll. Dvořák hatte in halbes Jahr vor der Niederschrift des Werkes, im Herbst 1888, in Prag mit Tschaikowsky Freundschaft geschlossen, als dieser in der böhmischen Hauptstadt unter anderem seine fünfte Symphonie dirigierte; Tschaikowskys Walzer-Intermezzo (der dritte Satz von dessen e-moll-Symphonie) und Dvořáks ‚Reagieren‘ darauf bedeuten nicht etwa Beeinflussung (dazu war der Stil des Böhmen längst zu sehr in sich gefestigt), sondern – im Offensein für Anregungen – auch einen unerwarteten Wendepunkt, die Abkehr von Brahms‘schen Gestaltungsprinzipien.
Hartmut Becker

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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