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Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 3

Khatia Buniatishvili: beim Verbier Festival 2011
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Khatia Buniatishvili spielt diesen Rachmaninow mal mit naiv-kindlicher Freude, mal mit ausgewachsener Leidenschaft - aber immer mit pianistischer Brillanz. Das gilt auch für ihren Liszt zwischen Liebestraum und Mephisto-Walzer.

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Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30
  • Sergej Rachmaninow, Franz Liszt
  • Verbier Festival Orchestra
  • Neeme Järvi
  • Khatia Buniatishvili
  • Salle des Combins Verbier
  • 2011
Ticket gültig für 30 Tage, im Premium-Abonnement unbegrenzt.
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  • Sergej Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30 - I. Allegro ma non tanto
  • II. Intermezzo. Adagio
  • III. Finale. Alla breve
  • Franz Liszt: Liebestraum Nr. 3
  • Franz Liszt: Mephisto-Walzer Nr. 1
  • Frédéric Chopin: Prelude op. 28 Nr. 4
  • Sergej Rachmaninow, Franz Liszt
  • Verbier Festival Orchestra
  • Neeme Järvi
  • Khatia Buniatishvili
  • Salle des Combins Verbier
  • 2011
t1 Konzertführer
Sergej Rachmaninow
Symphonien, Orchesterstücke und Vokalwerke

„In jedem Museum gibt es die verbrecherischen Bilder, die mörderischen Bilder, die alle anderen umbringen.“ Gleich diesen Bildern, wie sie der französische Schriftsteller Jean Cocteau beschrieben hat, gibt es auch im Schaffen manches Komponisten ein Werk, das man nicht anders als ‚mörderisch‘ nennen kann. Wie eine Schlingpflanze rankt es sich um alle übrigen Partituren seines Schöpfers, entzieht ihnen Saft und Kraft, überwuchert sie und erstickt sie schließlich. Nichts bleibt vom Ruhm eines Komponisten als dieses eine Werk, das sich satt und behäbig in die Musikgeschichte einnistet, aus der es sämtliche Geschwister verdrängt hat: das Adagio von Albinoni; das Menuett von Boccherini; das Prelude von Rachmaninow. Die Tatsache, dass Sergej Rachmaninows Klavier-Prélude cis-moll op. 3 Nr. 2 eine derart ‚mörderische‘ Kraft entfaltete, ist umso tragischer, als dieses Stück Rachmaninows Ruf und Rang als Komponist ein für alle Mal korrumpierte und den unbefangenen Blick auf seine anderen Werke – vor allem auf die Symphonien, symphonischen Dichtungen und Kantaten – bis heute verstellt.

Zu den gängigen (Vor-) Urteilen über Rachmaninows Musik gehört die Behauptung, sie sei allzu ‚hollywood-like‘. Sicher, Rachmaninow war vor den Wirren der Oktoberrevolution zunächst nach Stockholm und dann in die Vereinigten Staaten übersiedelt, aber er hat (im Gegensatz zu anderen russischen Emigranten wie Vladimir Horowitz, Sergej Koussewitzky, Nathan Milstein oder Igor Strawinsky) nie die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt und ist seinem Wesen, seinem Status und seiner Musik nach Russe geblieben, wie er es noch 1941 in einem Interview bestätigt hat: „Ich habe mich in meinen Kompositionen nie darum bemüht, originell, romantisch, national oder irgendetwas anderes zu sein. Ich bringe das, was ich in mir höre, so getreu wie möglich zu Papier. Ich bin ein russischer Komponist, und meine Heimat hat mein Temperament und meine Anschauungen geprägt. Meine Musik ist Ausdruck meines Temperaments, und also ist sie russische Musik.“ In der Sowjetunion hat man ihm seine Übersiedlung in die Vereinigten Staaten lange nicht verziehen, ihn als Abtrünnigen und Dissidenten verunglimpft und sein kompositorisches Schaffen nach 1917 mit Verachtung gestraft. In Amerika dagegen wurde Rachmaninow zwar mit offenen Armen empfangen, und er feierte als Pianist, Komponist und Dirigent gleich spektakuläre Erfolge, doch die amerikanische Musik hat ihn nie wirklich als ‚einen der Ihren‘ betrachtet; seine Podiumsangst, seine strenge Selbstkritik, sein asketisches Auftreten, seine Wortkargheit und sein distanzierter, gewissermaßen ‚sachlicher‘ Interpretationsstil entsprachen so gar nicht dem Glanz- und Glamourimage des Künstlers, das in Amerika favorisiert wurde.

Auf Grund des cis-moll-Préludes kam Rachmaninow in Amerika bald zu dem zweifelhaften Ruf eines virtuosen Salonromantikers. Werke, in denen er dem Sprachmuster des Préludes folgte, wurden mit demselben Fanatismus gefeiert; so errangen zum Beispiel das zweite Klavierkonzert oder die Vocalise aus dem Liederzyklus op. 34 eine Popularität, die von den Puritanern der sogenannten ‚ernsten‘ Musik mit Misstrauen und Neid konstatiert wurde (und wird). Die drei Symphonien oder die Sinfonischen Tänze dagegen wurden von der amerikanischen Musiköffentlichkeit entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder sie stießen auf kühles, gleichgültiges Desinteresse, wenn nicht sogar auf Ablehnung.
Diese Haltung der Amerikaner übertrug sich auch auf Westeuropa; die dritte Symphonie zum Beispiel – ein Werk, das genügen würde, um das Zerrbild des ‚Salonromantikers‘ zu korrigieren – war im November 1936 bei ihrer Uraufführung in Philadelphia (unter der Leitung von Leopold Stokowski) als „enttäuschend“ und „steril“ abgelehnt worden. Ein Jahr später dirigierte Sir Thomas Beecham in London die europäische Erstaufführung und fand damit beim Publikum und bei der Presse ähnliches Unverständnis; „man beklagte das völlige Fehlen jener schmelzenden Melodien, die in Rachmaninows früheren Werken so reizvoll waren“, hieß es in einem Korrespondentenbericht der ‚New York Times‘.

Will man Sergej Rachmaninow und seiner Musik gerecht werden, so muss man zu ihren Ursprüngen zurückkehren – nach Russland. Seit der Moskauer Uraufführung des ersten Satzes seines Opus 1 – des Klavierkonzerts fis-moll – am 17.März 1892 und der glänzend aufgenommenen Premiere seiner preisgekrönten Oper Aleko am 27. April 1893 war Rachmaninow nicht etwa als Traditionalist, sondern als eigenständige, zukunftweisende Komponistenpersönlichkeit begrüßt worden.
Vier, fünf Jahre lang verfolgte er seinen Weg als Komponist äußerst geradlinig und schien alle Erwartungen zu bestätigen, die man auf ihn gesetzt hatte. Werke wie die Orchesterfantasie ‚Der Fels‘ op. 7 (1893, nach einem Gedicht von Michail Lermontow) oder das Capriccio bohémien op.12 (1892/94) entsprachen durchaus der schwerblütigen russischen Fin de siècle-Ästhetik, der auch die frühen Orchesterkompositionen Strawinskys und Prokofjews noch verpflichtet sind. Dann aber fand (am 15.März 1897) in Petersburg die von Alexander Glasunow dirigierte Uraufführung der ersten, nach Themen der russisch-orthodoxen Liturgie komponierten Symphonie (d-moll op.13) Rachmaninows statt, die einen katastrophalen Misserfolg erlebte; das Werk wurde als „modernistisch, banal, armselig in seiner thematischen Erfindung und krankhaft pervers in seiner Harmonik“ radikal abgelehnt. (Wohlgemerkt: Die Kritik richtete sich gegen den ‚Modernismus‘ der Symphonie, nicht gegen irgendwelche konservativen oder gar eklektizistischen Elemente!) Rachmaninow war über diesen Misserfolg so enttäuscht, dass er in Depressionen verfiel und mehrere Jahre lang zu jeder schöpferischen Arbeit unfähig war. Im Sommer 1900 konnte er durch die Hypnosebehandlung des Psychiaters Nikolai Dahl diese Krise zwar überwinden, doch sie hatte sein Wesen grundlegend verändert; abgesehen von der glücklichen, unbeschwerten und kompositorisch überaus fruchtbaren Zeit, die Rachmaninow von 1906 bis 1908 in Dresden verlebte, wo unter anderem seine zweite Symphonie (e-moll op. 27), die symphonische Dichtung ‚Die Toteninsel‘ (op. 29, nach dem gleichnamigen Gemälde von Arnold Böcklin) und das dritte Klavierkonzert entstanden, überschattete der Misserfolg der ersten Symphonie sein ganzes Leben.

Er spiegelt sich ebenso in seiner Musik wider, deren moll-betonte Düsterkeit sich nur gelegentlich aufhellt, wie in seinen Interviews und Briefen. „Ich habe kein Selbstvertrauen mehr“, schreibt er etwa am 8. Mai 1912 an Marietta Schaginjan. „Wenn es je eine Zeit gab, in der ich Selbstvertrauen hatte, so liegt sie lange zurück – lange, sehr lange – in meiner Jugend. Seit zwanzig Jahren bin ich in der Behandlung von Doktor Dahl, der mich immer wieder anregt, Mut zu fassen. Aber die Krankheit hat mich ein für alle Mal gepackt und ist, fürchte ich, in den letzten Jahren eher schlimmer geworden. Irgendwann werde ich wohl das Komponieren ganz aufgeben...“ So gibt es zum einen in der Biographie Rachmaninows verschiedene mehr oder weniger lange Phasen, in denen kaum ein Werk entstand; zwischen 1919 und 1925, zwischen 1927 und 1930, zwischen 1931 und 1934, zwischen 1941 und seinen Tod am 28. März 1943. Zum anderen war er auch mit abgeschlossenen und erfolgreich aufgeführten Arbeiten nie zufrieden und hat ältere Partituren immer wieder vorgenommen und revidiert. „Ich wollte, ich könnte die ganze Orchestration neu schreiben“, äußerte er zum Beispiel über seine Kantate ‚Frühling‘ op. 20 (1902, nach einem Gedicht von Nikolaj Nekrassow); und die viersätzige Kantate ‚Die Glocken‘ op. 35 (1913, nach der russischen Übertragung von Edgar Allan Poes Verspoem The Bells) hat Rachmaninow noch 1936 überarbeitet.

Der Russe, den man in seiner Heimat als Amerikaner behandelte, während er in Amerika nur als russischer Emigrant galt – ein Entwurzelter. Tatsächlich ist Sergej Rachmaninow ein russischer Komponist: Von seinen fünfundvierzig Werken mit Opuszahlen sind neununddreißig vor 1917 entstanden, bevor er Russland für immer verließ. Mehr noch: Es sind ihrem Wesen nach ‚nationale‘ Werke, in denen Rachmaninow an die Ästhetik des ‚Mächtigen Häufleins‘ anschließt und sich mehr als irgendein anderer Komponist seiner Generation darum bemüht, das Erbe der originär russischen Musik zu pflegen und fortzusetzen. Auch (und vielleicht gerade) während der Jahre des amerikanischen Exils ist Rachmaninow dem ‚russischen Temperament‘ seiner musikalischen Sprache treu geblieben; die drei russischen Volkslieder für Chor und Orchester bezeugen es ebenso wie seine dritte Symphonie oder die drei Sinfonischen Tänze, die von dem Freundeskreis russischer Emigranten als „Klänge der Heimat“ angesehen wurden, als durch und durch russische Werke. Und als die amerikanische Presse Rachmaninow heftig kritisierte, weil er im Sommer 1942 mehrere Benefizkonzerte zugunsten des sowjetischen Kriegsfonds gegeben hatte, verwehrte er sich entschieden dagegen: „Ich bin immer noch Russe, und es ist für mich selbstverständlich, Russland zu unterstützen.“
Michael Stegemann

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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