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Neues Gewandhaus, Leipzig

Schumann: Argerich & Chailly in Leipzig

Klavierkonzert, Symphonie Nr. 4 u.a.m.
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Chailly dirigiert ausladend, die Orchesterbegleitung drängt aber nie in den Vordergrund. Solistin, Orchester und Dirigent bleiben in ständigem (Augen-) Kontakt, und das kann man auch hören: ausgeglichenes, poetisch-schönes Schumann-Spiel.

Ticket gültig für 30 Tage, im Premium-Abonnement enthalten.
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  • Sinfonische Etüden op. 13 (orch. Tschaikowsky)
  • Klavierkonzert a-Moll op. 54: I. Allegro affettuoso
  • II. Intermezzo. Andantino grazioso
  • III. Allegro vivace
  • Carnaval op. 9 (orch. Ravel)
  • Symphonie Nr. 4 d-Moll op. 120: I. Ziemlich langsam-lebhaft
  • II. Romanze: ziemlich langsam
  • III. Scherzo: lebhaft
  • IV. Langsam-lebhaft
t1 Konzertführer
Robert Schumann
Klavierkonzert a-moll op. 54

Den Plan, ein Klavierkonzert zu schreiben, hatte Schumann schon in seinen Jugendjahren gefasst, aber es dauerte schließlich bis 1845, bis er, in seinem ersten Dresdner Jahr, seinen einzigen Beitrag zu dieser Gattung vollendete. Und selbst dieses eine Klavierkonzert des ausgesprochenen Klaviermusik-Komponisten Schumann wäre womöglich nicht entstanden, hätte Schumann bereits vier Jahre zuvor, als er den (späteren) ersten Satz fertiggestellt hatte, einen Verleger gefunden, der bereit gewesen wäre, das Allegro affettuoso als Phantasie für Klavier und Orchester zu veröffentlichen. Erst nach dieser Enttäuschung – es fand auch nie eine Aufführung der als Opus 48 geplanten Phantasie statt – reifte in Schumann allmählich der Entschluss heran, den Satz zu einem dreisätzigen Concert für das Pianoforte mit Begleitung des Orchesters zu erweitern. Es war klar, dass seine Frau Clara, die als Pianistin inzwischen zu Weltruhm gelangt war (und als erste bedeutende Nur-Interpretin des Klaviers die Fertigstellung des Werkes wohl mitangeregt hatte), in den ersten Aufführungen den Solopart bestreiten würde – so geschehen bei der Dresdner Uraufführung im Dezember 1845 unter Ferdinand Hillers Leitung, wie auch bei der legendären Leipziger Premiere am Neujahrstag 1846, die Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte. Seither hat sich das a-moll-Konzert beim Publikum an der Spitze der Beliebtheitsskala gehalten: Für viele gilt es nach wie vor als ‚das schönste aller Klavierkonzerte‘.

Jedoch nicht nur seine ‚Schönheit‘ rechtfertigt die ungewöhnlich lange Entstehungszeit des Werkes, sondern auch seine musikhistorische Bedeutung: Es ist das erste bedeutende romantische Klavierkonzert, das erste Werk in dieser Gattung, das die klassische Ästhetik abgestreift hat zugunsten einer neuen genuin romantischen Konzeption. Zwar wahrt das Konzert nach außen hin die klassische Dreisätzigkeit, besteht aber im Grunde nur aus einem einzigen großen Satz mit einem Haupt- (erster Satz) und einem Nebengedanken (Intermezzo) sowie der – auch im Charakter – variierten Wiederkehr des Hauptgedankens im dritten Abschnitt. Eine neue monothematische Konzeption prägt auch die Gestalt der einzelnen Sätze selbst, insbesondere des Kopfsatzes: sie benutzt die traditionelle, auf Themendualismus basierende Sonatenform nur noch als äußere Hülle, als Korsett. Ebenso dienen die dramatisch-dialektisch motivierten funktionalen Teile des Sonatensatzes – also Exposition mit Hauptthema und Seitensatz, Durchführung, Reprise und Coda – hier nur mehr als äußere Anlässe, um fünf Charaktervariationen, fünf poetisch-epische, ganz und gar undramatische Ansichten ein und desselben Themas, die alle auf der gleichen absteigenden Terz basieren, formal zu rechtfertigen und zugleich den unbezähmbaren Drang jeder einzelnen Themenmetamorphose, den Augenblick zu verewigen, das Unendliche anzustreben, von außen im Rahmen zu halten.
Schließlich bestimmt die neue romantische Ausdrucksästhetik auch die innere Gestalt des Hauptthemas, das nun zum ‚Thema einer Geschichte‘ geworden ist, die in fünf verschiedenen musikalischen Episoden erzählt wird. Im Gegensatz zu den körperlich-gestischen, aus einem Guss geformten Gestalten, die im Wiener Klassischen Satz vor unseren Augen und in unserer Gegenwart innerhalb eines pulsierenden Metrums frei aufeinanderprallen, vereinigt das Schumanns-Konzert singend eröffnende Hauptthema die Zeit in sich, es erzählt uns eine Geschichte, seine Geschichte von Vergangenheit und Zukunft, von seinem Leid und seinen Sehnsüchten. Deshalb wird es auch nicht distanziert vorgeführt, sondern es erfordert Einfühlung, Identifikation, Miterleben und Mitleiden, um seine ambivalente Seelenlage nachempfinden zu können. Im wellenartigen Duktus dieser schönen, einfachen Melodie findet das romantische Bewusstsein seinen adäquaten Ausdruck: In diesem Auf und Ab ist das Hin- und Hergerissensein der bürgerlichen Seele zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Utopie und Untergang plastisch eingefangen.
Attila Csampai

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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