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Erich Wolfgang Korngold

Violinkonzert D-Dur op. 35

Eschenbach, hr-Sinfonieorchester, Hagen, 2017
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Das Werk sollte laut Korngold mehr für "einen Caruso als einen Paganini sein". Solist William Hagen bringt von beiden etwas mit: die vielen kantablen, lyrischen Passagen sind fein, aber gleichzeitig voll im Ton, virtuose Passagen dagegen gestaltet Hagen dynamisch und glanzvoll. 

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  • I. Moderato nobile
  • II. Romance. Andante
  • III. Finale. Allegro assai vivace
t1 Konzertführer
Erich Wolfgang Korngold
Erich Wolfgang Korngold

Brünn, 29. März 1897 – Hollywood, 29. November 1957

Erich Wolfgang Korngold, Sohn des Juristen Julius Korngold, der Nachfolger von Eduard Hanslick bei der ‚Neuen Freien Presse‘ in Wien wurde und zu den gefürchtetsten Musikkritikern seiner Zeit zählte, galt als Wunderkind: Ein Werk des Dreizehnjährigen – die Pantomime Der Schneemann – wurde an der Wiener Hofoper unter Franz Schalk aufgeführt. 1917 erregte er mit seinen beiden Einaktern Der Ring des Polykrates und Violanta Aufsehen. Weltweiten Erfolg erzielte seine Oper Die tote Stadt, die 1920 ihre Doppelpremiere in Hamburg und in Köln hatte. 1934 folgte Korngold einer Einladung von Max Reinhardt in die USA; der ‚Anschluss‘ an Österreich verhinderte seine Rückkehr nach Wien. Kurze Zeit später nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Während Korngold bei der Pantomime Der Schneemann die Instrumentation noch seinem Lehrer Alexander Zemlinsky überlassen musste, stammt die Schauspielouvertüre op. 4 ausschließlich aus seiner Feder. Sie wurde 1911 im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung von Artur Nikisch uraufgeführt, dem das Werk auch gewidmet ist. Unklar ist, ob die Schauspielouvertüre auf ein konkretes Drama Bezug nimmt oder ob sie als unabhängiges Orchesterstück konzipiert ist, wobei die Bezeichnung lediglich eine Verlegenheitslösung darstellt. Die langsame Einleitung dieser in Sonaten-Hauptsatzform geschriebenen Ouvertüre lässt bereits Korngolds herausragendes Sensorium für klangliche Valeurs, seine erstaunlichen Kenntnisse von den Möglichkeiten des großen symphonischen Orchesters erkennen, während zwischen der Vielfalt der Erfindung und dem Grad ihrer Verarbeitung noch eine deutliche Diskrepanz besteht; symptomatisch hierfür ist die Tatsache, dass der Durchführungsteil erheblich kürzer geraten ist als die Exposition. Auch die Sinfonietta in B op. 5 (1912), wurde durch Nikisch, diesmal jedoch in Berlin, aus der Taufe gehoben; ihr durchschlagender Erfolg erweckte das Interesse von Richard Strauss, der das Werk in der ehemaligen Reichshauptstadt mehrfach aufführte. 1918 komponierte Korngold eine Schauspielmusik zum Drama Viel Lärm um nichts (Uraufführung 1919). Das sich in vierzehn Abschnitte gliedernde und für Kammerorchester geschriebene Werk wurde später vom Komponisten für Violine und Klavier arrangiert und sollte sich in dieser Version zu einem der populärsten Stücke Korngolds entwickeln; berühmte Geiger wie Kreisler, Heifetz und Elman nahmen dies Stück in ihr Repertoire.

Es folgten die symphonische Ouvertüre Sursum corda (Empor die Herzen) op. 13 (1921), das Klavierkonzert in Cis op. 17 für die linke Hand (1923) und die Babyserenade op. 24 für kleines Orchester (1928). Das Klavierkonzert war ein Auftragswerk des einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein, der verschiedene namhafte Komponisten wie Maurice Ravel, Richard Strauss, Benjamin Britten und Sergej Prokofjew mit Klavierkompositionen für die linke Hand beauftragte. Korngolds Konzert spiegelt in frappierender Weise die virtuosen Fähigkeiten Wittgensteins wider, vor allem dessen stupende Sprungtechnik: Der Klavierpart, der vollgriffige Akkorde ebenso einbezieht wie rasantes Passagenwerk, lässt stellenweise vergessen, dass er lediglich für die linke Hand konzipiert ist.

Von 1934 an war Korngold längere Zeit fast ausschließlich für die Filmbranche tätig. Von den zwanzig Filmmusiken, die er überwiegend für Warner Brothers geschrieben hat, ragen die mit dem Oscar ausgezeichneten Partituren für Anthony Adverse (1936) und The Adventures of Robin Hood (1938) heraus, Filme, die Michael Curtiz drehte, der später mit Casablanca Weltruhm erlangen sollte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wandte sich Korngold wieder den klassischen Gattungen zu. 1945 entstand auf Anregung von Bronislaw Huberman das Violinkonzert in D op. 35, das aber zwei Jahre später durch Jascha Heifetz und das St. Louis Orchestra unter Vladimir Golschman aus der Taufe gehoben wurde. Das dreisätzige Werk ist dem Typus des spätromantischen Violinkonzerts verpflichtet: Der Orchesterpart gibt über weite Strecken lediglich die Folie für die Solovioline ab. Ein Jahr später folgte das Cellokonzert in C op. 37. Mit seiner Symphonie in Fis op. 40, komponiert 1951/52 und uraufgeführt 1954 in Wien, knüpfte Korngold an die Tradition an, was die Anzahl und Charaktere der einzelnen Sätze deutlich erkennen lassen. Gleichwohl ist die Akzentverschiebung unübersehbar: An die Stelle der thematisch-motivischen Arbeit ist einerseits die schlichte Wiederholung musikalischer Gestalten, andererseits eine Aufsplitterung in pittoreske Einzelmomente getreten. Dieser Sachverhalt steht in engstem Zusammenhang mit der Beobachtung, dass der Symphoniker Korngold den Filmmusiker doch nicht so ganz vergessen hat, wie es ursprünglich wohl die Intention des Autors war. Zum einen wird thematisches Material aus verschiedenen Filmmusiken übernommen: macht das Cellokonzert lediglich einige Anleihen bei der zur gleichen Zeit entstandenen Filmmusik zu Deception, so nährt sich das Violinkonzert fast ausschließlich von Filmmusik: Die beiden Themen des ersten Satzes entstammen aus Another Dawn (1937) und Juarez (1939), der Hauptgedanke des Mittelsatzes aus Anthony Adverse (1936), während sich durch das ganze Finale ein einziges Thema zieht, das aus dem Film The Prince and the Pauper (1937) entnommen ist; die Symphonie wiederum stützt sich auf die Musik zu The private lives of Elizabeth and Essex (1939).

Gravierender ist ein weiteres Moment: Während in der autonomen Kunst der Symphonik die Beziehungen von Form und Inhalt dialektisch geprägt sind, wird beim Film die Musik als Funktion der Handlung begriffen, können sich also musikalische Formen nur in Abhängigkeit vom Bildverlauf herausbilden. In seinen letzten Orchesterwerken tendiert Korngold unverkennbar dazu, die symphonische Form als groben Raster, als vorgegebenen Rahmen zu verstehen, innerhalb dessen die Kompositionsprinzipien der Filmmusik wie etwa die Reihung von kontrastierenden Einzelmomenten zur Anwendung kommen; hier wird der Versuch unternommen, den Geist traditioneller Symphonik mit der Ästhetik eines neuen Mediums zu einer Synthese zu bringen, die jedoch durchaus fragwürdig ist.

Und schließlich sei noch die Vorliebe des Komponisten für jene Al-fresco-Partien erwähnt, die sich durch eine glänzende klangliche Oberfläche und durch mitreißende Rhythmik auszeichnen. So ist es symptomatisch, dass Korngold Instrumente miteinbezieht, die außerhalb der Tradition deutsch-österreichischer Symphonik stehen: Celesta, Xylophon, Marimbaphon, Vibraphon, Cymbal und Klavier. Diese Partien verraten Korngolds untrügliches Gespür für den sicheren Effekt, entbehren aber häufig ihrer individuellen Physiognomie und erscheinen daher austauschbar. Vielleicht ist darin der Grund zu sehen, dass es um fast alle nach 1945 entstandenen Orchesterwerke Korngolds, einschließlich der von Wilhelm Furtwängler 1947 uraufgeführten Symphonischen Serenade für Streichorchester in B op. 39 und der 1953 entstandenen Komposition Thema und Variationen op. 42, ziemlich still geworden ist; lediglich das Violinkonzert, das vielleicht am reinsten Korngolds nostalgisch gefärbten spätromantischen Stil ausprägte, hat in letzter Zeit einige bedeutende Interpreten gefunden.
Norbert Christen

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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