Pjotr Tschaikowsky

Ouvertüre solenelle op. 49 "1812"

Pappano, Royal Concertgebouw Orchestra, 2013
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Die Schlachtenovertüre als Publikumszerstreuung: ungewöhnliche Bilder von lauschenden Zuhörern und beeindruckende Kamerafahrten über die Grachten. Dafür leider keine Kanonenschüsse, sondern Kostümierte, die vor dem Publikum in die Luft schießen!

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  • Overtüre Solonelle op. 49 "1812"
t1 Konzertführer
Pjotr Tschaikowsky
Die Werke des Jahres 1880

In der schöpferischen Pause zwischen Vollendung der vierten und Skizzierung der fünften Symphonie schrieb Tschaikowsky im Jahre 1880 neben seinem zweiten Klavierkonzert drei Werke, die nicht eigentlich als Programmmusik bezeichnet werden können. Während des Rom-Aufenthalts im Winter 1879/80 entwarf er ein Capriccio italien (op. 45), dessen Kopfmotiv den Zapfenstreich der italienischen Armee benutzt – eine Komposition leichterer, unbeschwerterer Art im Vergleich mit den bisherigen, bestrebt, die südländische Atmosphäre einzufangen. Der Titel (capriccio bedeutet ‚Laune‘) weist deutlich genug auf diesen Charakter hin. Als Auftragswerk für die Eröffnung der Moskauer Weltausstellung des Jahres 1882 entstand die Ouverture solennelle,1812, in der die Ereignisse des Napoleonischen Feldzugs gegen Russland plastisch, ja geradezu drastisch in Erinnerung gerufen werden: Geläut großer Kirchenglocken (nicht etwa der zum Schlagwerk großer Orchester gehörender Röhrenglocken!) gehört ebenso zum Inventar wie der Einsatz von realem Kanonendonner. Die ursprüngliche Gestalt der Ouvertüre verlangt für die langsame Einleitung (Gebet um Befreiung vorn napoleonischen Joch) wie für die Zarenhymne der Coda einen großen Chor; für rein orchestrale Aufführungen instrumentierte der Komponist dessen Stimmen. Die Verwendung von Kanonen hat übrigens seit dem Te Deum, das Giuseppe Sarti (1729-1802) 1789 für den Fürsten Potemkin schrieb, in Russland Tradition. Tschaikowsky selbst nannte sein Gegenstück zu Beethovens Schlachtensymphonie „sehr laut und geräuschvoll“, sie habe „wohl nur geringen künstlerischen Wert“. Die in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft geschriebene Serenade (op. 48) für Streicher bildet einen intimen, beinahe kammermusikalischen Kontrast zu diesem enormen Aufwand; die Zurücknahme der Mittel bis hin zum Verzicht auf die Bläser macht deutlich, zu welcher Poesie und Intensität des Ausdrucks der Komponist fähig ist.

Hartmut Becker

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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