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Symphonie C-dur KV 425 (Linzer)

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t1 Konzertführer
Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie C-dur KV 425 (Linzer)

Am 31. Oktober 1783 schreibt Mozart aus Linz an den Vater: „Dienstag als den 4ten November werde ich hier im theater academie geben. – und weil ich keine einzige Simphonie bey mir habe, so schreibe ich über hals und kopf an einer Neuen, welche bis dahin fertig seyn muß.“ Die Rede ist von der sogenannten Linzer Symphonie (Mozart bezeichnete sie nicht so), der man die schnelle Produktion keineswegs anmerkt. Mozart schlägt hier ganz bewusst einen neuen Ton an: Vorbild ist ausdrücklich Joseph Haydn. Zum ersten Mal beginnt Mozart eine Symphonie mit der von Haydn gepflegten langsamen Einleitung, und die hat es in sich. Darauf hat Alfred Einstein aufmerksam gemacht: „Es gibt ein Blättchen von Mozarts Hand (KV 387 d), auf dem die Incipits dreier Haydnscher Symphonien notiert sind, darunter gerade eine mit einleitendem Grave aus dem Jahre 1782 (Nr. 75). Nur hatte Haydn bis dahin noch keine langsame Introduktion geschrieben wie die Mozarts, mit ihrem heroischen Beginn und der helldunklen Fortsetzung, die aus süßester Sehnsucht in die Tiefe unheimlicher Erregung führt.“ Entscheidend ist nicht so sehr, was Mozart von Haydn lernte, sondern wie er damit umgeht, was er daraus macht, wie er Eigenheiten der Musiksprache Haydns umschmilzt zur eigenen. Ihn interessiert der Gegensatz der Charaktere, das Abtauchen in versonnene Bezirke und eine drängende Unruhe der Musik.

Das Aufeinanderprallen gegensätzlicher, physiognomisch geprägter Haltungen und das Zwielicht harmonischer Tiefenwirkungen – man denke an den e-moll-Gedanken, der das reguläre Seitenthema vertritt! – sind überaus typisch für Mozarts Musiksprache, während Haydn kompositorische Vereinheitlichung anstrebt und auf monothematisches Komponieren abzielt. Jener e-moll-Gedanke im ersten Satz sticht, anders als es bei Haydn der Fall wäre, einerseits drastisch aus dem Zusammenhang heraus, nimmt aber andererseits doch eine untergeordnete Position ein, erscheint als Nebengedanke, der dennoch so weit profiliert ist, dass er der Form Tiefenschärfe verleiht. Das ist die Kunst Mozarts: die auseinanderstrebenden musikalischen Charaktere ohne thematische Vermittlung in einen einheitlichen und zudem völlig gelöst und selbstverständlich wirkenden Ablauf zu bringen.

Der langsame Satz greift zwar auf den von Haydn häufig benutzten Typus des Sicilianos zurück, verleiht aber dem Ganzen allein schon durch die Wahl der Sonatenform (an Stelle der dreiteiligen Liedform) und durch die eigenständige Behandlung der Bläser ein größeres Gewicht, als man es von Haydns ähnlichen Sätzen kennt. Selbst die auskomponierten Verzierungen nehmen den Charakter des ‚Sprechenden‘ an, sind mit Ausdruck gefüllt und haben nichts mehr zu tun mit gewissen Schnörkeln des ‚galanten‘ Stils, von dem sie doch herstammen.

Während das Menuett die gewohnten Bahnen kaum verlässt, streift das gewichtige Finale den üblichen Charakter des festlich-frohen Ausklangs an. Die Musik wird im Verlauf des Satzes immer schmerzlicher und sogar gedrückter, und die Durchführung – statt des häufig verwendeten Rondos schreibt Mozart hier auch wieder ausdrücklich einen Sonatensatz – enthält eine solche „staunenswerte Skala von Empfindungen“ (Hermann Abert), dass man glaubt, sich in einem Kopfsatz zu befinden. Bereits hier kündigt sich die bedeutsame Gewichtsverschiebung innerhalb der zyklischen Anlage an, die zum triumphalen Finale der letzten Symphonie führt. Mozart brachte die Symphonie mit nach Wien und führte sie bei seiner Akademie am 1. April 1784 im Burgtheater auf. Über die Linzer Aufführung sind wir nicht näher unterrichtet.
Dietmar Holland

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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