Wolfgang Fortner

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t1 Konzertführer
Wolfgang Fortner
Wolfgang Fortner

Leipzig, 12. Oktober 1907 – Heidelberg, 5. September 1987

Die Eltern „wollten, dass ihr Kind in der Stadt Bachs geboren würde“: So erblickte Wolfgang Fortner denn 1907 in Leipzig das Licht der Welt. Es bleibt fraglich, ob es am Geist des Ortes und am geheimen Einfluss des Thomaskantors liegt, dass Fortner zeitlebens in seiner Musik nach konstruktiver Klarheit, Konzentration und Durchsichtigkeit gestrebt hat. Er studierte Komposition beim Reger-Schüler Hermann Grabner, Orgelspiel bei Karl Straube und Musikwissenschaft bei Theodor Kroyer. Als Lehrer in Heidelberg, Detmold und Freiburg wirkte er vor allem nach 1945 in nicht zu überschätzender Weise.

Wolfgang Fortner begann mit einem ‚neobarock‘ geprägten Stil, angesiedelt etwa zwischen Hindemith und Strawinsky. Während der unseligen Zeit und ihrem amtlich verordneten Pathos flüchtete er sich in „eine gewisse klassizistische Eleganz“. Nach dem Krieg hat er die Zwölftonmethode sowie serielle und aleatorische Verfahren nicht einfach adaptiert, sondern ein Stück geschichtlicher Logik aus der Folgerichtigkeit des eigenen Schaffens heraus nachvollzogen. Als Teil einer Zwölftonreihe ist das Bach-Motiv in seiner Phantasie über B-A-C- H für zwei Klaviere, neun Soloinstrumente und Orchester (1950) als hintergründige Chiffre ständig anwesend. Die Impromptus für Orchester (1957) sind beispielhaft für einen strengen Ordnungswillen im Dienste geistigen Ausdrucks. Rhythmische Permutationsreihen verbinden sich mit mittelalterlicher Isorhythmie. Wie im vielschichtig-komplexen und farbenreichen Triplum für kleines Orchester mit drei obligaten Klavieren (1966) oder in den Machaut-Balladen (1973) werden historische Satzprinzipien nicht einfach adaptiert, sondern in unsere Zeit transponiert. Als besonders wichtig im umfangreichen Fortner‘schen Werk wären auch die filigranen Marginalien (1969) zu nennen, die Dem Andenken eines guten Hundes gewidmet sind. Hier versucht die Musik das Atmosphärische einer Mensch-Tier-Beziehung zu ergründen. Behutsam ineinander verwobene kleinförmige Instrumentalfiguren, luzide Polyphonie und artifizielle Haltung kennzeichnen Fortners Spätstil etwa der
Prismen (1974) oder des Triptychon für Orchester (1977). Das hochkomplizierte Stück, dessen Ende in den Anfang mündet, ist formal der Gestalt eines Flügelaltars nachempfunden. Alle Werke tragen das Signum eines philosophisch vielgebildeten Menschen.
Helmut Rohm

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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