Werner Egk

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t1 Konzertführer
Werner Egk
Werner Egk

Auchsesheim bei Donauwörth, 17. Mai 1901 – lnning am Ammersee, 10. Juli 1983

Der bayerische Schwabe Werner Egk war bestimmt von der szenisch-gestischen Vorstellung: ein Musiker der Oper und des Balletts. Seine Kompositionen für den Konzertsaal sind in Farbigkeit, Rhythmik und melodischer Gebärde latent szenisch. Symphonische Großformen fehlen, entsprechend dem antiromantischen Affekt, wie Egk ihn von seinen geistigen Nährvätern Strawinsky und Prokofjew übernahm. Das umständlich-betulich Furchtlosigkeit und Wohlwollen betitelte Oratorium nach einer indischen Legende (Uraufführung 1931; Neufassung 1958/59), gesetzt für Tenor, Chor und großes Orchester, überträgt Prinzipien von Brechts epischem Theater in den erzählenden Gang des Oratoriums, wütet zumal in der massiven Urfassung in ostinaten Rhythmen und scharf dissonierenden Klängen und verkündet Egks Leitsatz, dass dem keine Gefahr droht, der jedermann furchtlos und wohlwollend begegnet. Zum Exempel wird der indische Bauer Ghamani, der, fälschlich angeklagt, den Tritten der Elefanten überantwortet, von den Tieren aber verschont wird.

Am häufigsten aufgeführt wird die 1949 entstandene Französische Suite für großes Orchester, eine durchaus tänzerische Musik in fünf Sätzen, ausgehend von drei verwendeten Klavierstücken von Rameau. In Rhythmik, Orchestrierung und eleganter Haltung ist die Partitur eine der wenigen perfekten Adaptionen französischer Musikauffassung durch einen deutschen Komponisten, ähnlich wie die intelligent-spöttische Solokantate für Alt und Streichquartett La Tentation de Saint Antoine, (1946; Chorfassung 1978). Der erste Satz der Französischen Suite folgt dem rationalistischen Grundsatz der Nachahmung der Natur und ist ein sensualistisches Konzert der am Morgen erwachenden Vögel (‚Le rappel des oiseaux‘). Dazu kontrastieren die Bläsereskapaden von ‚Gigue en Rondeau‘, die weiche Streichermelodik von ‚Les tendres plaintes‘ (‚Leise Klagen‘) und ‚Vénitienne‘, ein venezianischer Tanz im Wechsel von Drei- und Vierachteltakt über gleichförmig abschnurrender Geigenbegleitung. ‚Les Tourbillons‘ (‚Die Wirbelwinde‘) ist ein Rondo mit realistisch schildernder Geigenmelodik im Viervierteltakt, halb französisch und halb bajuwarisch. Offen bajuwarisch gibt sich, zumindest im derb auftrumpfenden Finale, die Geigenmusik mit Orchester von 1936, ein kurzes Violinkonzert mit bravourösem Allegro-Beginn und einem knappen, meditativen Andante. Bayerisch stampfen die Georgica, vier Bauernstücke für Orchester (1934); was für den Rhythmus Strawinskys und Prokofjews die russische Folklore gewesen war, ersetzt Egk durch Ländler, Zwiefachen usw. Vollends dem überkommenen Gesangsideal verpflichtet sind Quattro Canzoni, vier italienische Lieder für Tenor und Orchester (1932; Sopranfassung 1956). Reminiszenzen an den Italien-Aufenthalt des lange zwischen Literatur, Graphik und Komposition schwankenden Egk. Den orchestralen Großformen näherte sich Egk mit Zurückhaltung. Er misstraute dem anspruchsvollen Wort Symphonie und schrieb zwei Sonaten für großes Orchester, die eine 1948, die andere 1969: dreisätzige Partituren, die ohne den Anspruch von Symphonien differenzierte Klangspiele sind, getreu der Wortbedeutung (sonare = klingen). Hierher gehören auch die Allegria aus Ouvertüre, Marsch, Arie und Finale (1952), versehen mit dem Untertitel „Godimento in quattro tempi“ (‚godimento‘ bedeutet in ungefähr Genuss, Genussmittel, Erquickung). Alle Kompositionen Egks betonen die Form; die Form hielt Egk neben der (mitunter bis zur Unkenntlichkeit erweiterten) Tonalität für die schier gesetzmäßige Voraussetzung zur Kommunikation zwischen Tonkunst und Zuhörer, für das vornehmste Mittel der Verständigung zwischen Komponist und Publikum. Daher auch Egks Festhalten an der traditionellen Form der Oper und des klassischen Handlungsballetts.
Der weltläufige Egk bezog die exotische Folklore in seine sinnlich-realistische, farbige Musik ein: Variationen über ein karibisches Thema für großes Orchester, komponiert 1959 nach einer Weltreise, unter dem Titel Danza 1960 als Ballett aufgeführt. Abgewandelt wird das karibische Volkslied Chouconne mit einem zwischen Fünfer- und Vierergruppen schwankenden Metrum. Sechs Variationen zeigen sechs kontrastierende Aspekte des Ausgangsmaterials: Perpetuum mobile, Chaconne, Ostinato, Concertino, Evokation, Finale.

Die wenigen späten Orchestersätze Egks wiederholen Modelle aus früheren Jahren, hingegen haben Chanson et Romance (1953) für hohen Sopran und Orchester den melodischen und rhythmischen Elan der mittleren Jahre, sind Bravourstücke für Koloratursopran und zeigen in der Wahl der Dichtungen (Paul de Silentaire, mittelalterlicher Anonymus) die Affinität Egks zum französischen Esprit.
In den Konzertsaal gelangt zuweilen die bajuwarisch mit einem Zwiefachen aufspielende Ouvertüre zur frühen Oper Die Zaubergeige (1935) und die ursprünglich für den Rundfunk durchaus episch als „Bericht und Bildnis“ angelegte Oper Columbus (1932; Bühnenfassung 1941), eine nach Art der großen Oper in Tableaus aufgeteilte Chronik des spanischen Entdeckers. Konzertante Effektstücke sind einige Ballettsuiten, so die aus dem furiosen Faust-Ballett Abraxas (1946), eine von Rhythmus und Farbe bestimmte Musik, vital, schlagkräftig und in den Höllentänzen von aggressiver Dämonie.
Karl Schumann

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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