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Alexander Newski und Iwan der Schreckliche

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t1 Konzertführer
Sergei Prokofjew
Alexander Newski und Iwan der Schreckliche

Auf der Suche nach dem, was man unter dem Begriff des ‚sozialistischen Realismus‘, insbesondere in Russland unter der Ära Stalins, zu verstehen habe, wird man immer wieder auf die Kompositionen Prokofjews zu den Filmen Alexander Newski und Iwan der Schreckliche von Sergej Eisenstein stoßen. Inder Tat verkörpern diese Werke nahezu alles, was darunter verstanden wird: Plakativität, klare Parteinahme, Simplizität der Strukturen, tableauartige Aufrisse, Pauschalisierung an Stelle von Differenzierung. Prokofjews Musik glich sich ab Mitte der dreißiger Jahre deutlich den kulturpolitischen Vorstellungen der kommunistischen Partei an – beinahe nahtlos, so möchte es scheinen. Diese Beurteilung läuft freilich Gefahr, allzu leicht zu einer vorschnell endgültigen zu werden. Im Jahre 1938 traf Prokofjew mit Eisenstein zusammen: Eine gegenseitige aufrichtige Bewunderung ließ das Projekt zum Film Alexander Newski reifen. Thema war der Zusammenschluss des russischen Volks gegen ausländische Aggressoren unter der Anführung des Volkshelden Newski. Die einzelnen filmischen Episoden waren großflächig angelegt; Prokofjews Musik hatte viel Spielraum, konnte sich ausbreiten wie in Massenszenen einer Oper. Ein Jahr nach dem Film, 1939, stellte Prokofjew Teile der Filmmusik zu einer großen Kantate zusammen.

Die Musik zu Iwan der Schreckliche aus den Jahren 1942 bis 1944, die noch mehr russisches Kolorit einbringt und individualpsychologisch eindringlicher gestaltet wurde, ist im Konzertsaal kaum anzutreffen, da ihr eine konzertgemäße Umarbeitung versagt blieb. In seiner Autobiographie berichtet Prokofjew über die Zusammenarbeit mit dem Regisseur: „Eisenstein bereitete gerade den Film Iwan der Schreckliche vor. Er führte mich sogleich in dessen Szenarium ein. Dann gingen wir das Ganze noch einmal gemeinsam durch, wobei er eine genaue, sehr lebendige Schilderung gab, wie er sich in allen Einzelheiten die Musik dachte. Wir arbeiteten dann auf zwei Geleisen. Teile der Musik mussten fertig sein, ehe der Film gedreht wurde, andere Teile wurden erst geschaffen, nachdem der ganze Film schon fertig war. Sobald ich etwas fertig hatte, spielte ich es Eisenstein vor, und dann wurde es sogleich aufgenommen.“ Die Bearbeitung der Filmmusik von Alexander Newski zu einer konzertgemäßen Kantate bereitete über weite Strecken hin wenig Schwierigkeiten. Szenenaufrisse waren meist ganz zu übernehmen oder bedurften nur einer geringen Modifikation. Das Herzstück der siebenteiligen Kantate, überschrieben mit Die Schlacht auf dem Eis, wurde allerdings in der Konzertfassung wesentlich verdichtet, die Themen wurden kontrapunktisch verarbeitet (im Unterschied zur entsprechenden Filmszene). Aus einer fesselnd illustrativen Musik entstand eine vorn Bild unabhängige Komposition mit ganz spontan zwingenden Konturen. Das Hämmern des Schlagzeugs, das an ein sich beschleunigendes Fahren eines Eisenbahnwaggons erinnert, dazu eine grelle und harte Instrumentierung schaffen trotz ihrer unmittelbaren Plastik und Wirksamkeit Distanz zum Hörer. Ihm wird nicht Vertrautes vorgesetzt, sondern eine Musik, an der man sich reiben muss, die neues Hören abfordert. Freilich bleiben dennoch diese breitflächig und heroisierend angelegten Musikwerke Prokofjews fragwürdig. Mehr als andere Arbeiten sind sie aus den nationalen Problemen der Zeit heraus entstanden. Dennoch aber geht eine unreflektierte Gleichsetzung mit Kunstformen im Hitler-Deutschland fehl. Stets nämlich bleibt in Kompositionen Prokofjews wie Alexander Newski die Kraft einer ganz unmittelbar empfundenen Notwendigkeit und eine klare Bewusstheit über die eingesetzten Mittel spürbar.
Reinhard Schulz

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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