Rudi Stephan

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Rudi Stephan
Rudi Stephan

Worms, 29. Juli 1887 – Tarnopol, 29. September 1915

Das kompositorische Werk Rudi Stephans einzuordnen, fällt in mancherlei Hinsicht schwer. Denn bevor sich ein deutlich erkennbarer Individualstil ausgebildet hatte, fiel Stephan, 1887 in Worms geboren, 1915 im Ersten Weltkrieg. Gleichwohl sprechen seine wenigen Kompositionen, darunter als Hauptwerke die Musik für Orchester von 1912 und die Oper Die ersten Menschen eine musikalische Sprache, die in ihrer Eigentümlichkeit kaum an direkten Vorbildern gemessen werden kann.

Im Jahre 1905 war Stephan nach Frankfurt gezogen, um dort bei Bernhard Sekles zu studieren. 1906 kam er nach München, wo er bei dem Musikkritiker Rudolf Louis seine Studien fortsetzte. Die von Louis protegierte und mitgetragene ‚Münchner Schule‘ beeinflusste zwar das Werk Stephans, doch blieb ihre Wirkung, wie auch die Max Regers oder Richard Strauss‘, eher peripher. Darauf deuten äußerlich schon die schlichten Titel seiner Werke. 1908 entsteht ein Opus 1 für Orchester, 1912 eine Musik für Orchester.

„Keinen poetischen Titel, nicht die Benennung Tondichtung und gar nichts“, notierte Stephan erläuternd zu diesen Werkbezeichnungen, deren Objektiviertheit auf die zwanziger und dreißiger Jahre vorausweist, aber auch Brücken schlägt zu Werktiteln, wie sie die Wiener Schule gleichzeitig verwendete (Stücke für...).

Im Konzertsaal treffen wir heute in erster Linie die Musik für Orchester aus dem Jahre 1912 und die Musik für Geige und Orchester von 1913 an. Beide sind einsätzige Kompositionen von knapp zwanzig Minuten Dauer. Eine Tonartbezeichnung fehlt, sie wäre bei der ausufernden Harmonik auch nicht mehr begründbar. Gleichwohl weicht Stephan tonalen Wendungen durchaus nicht aus, ja die spürbare Plastizität der Musik rührt daher, dass ein tonaler Gestus geradezu gesucht wird. Leider verhinderte der frühe Tod Stephans, dass dieser weithin eigenständige kompositorische Ansatz (er ist weder mit der fließenden Durchchromatisierung Regers noch mit dem harmonischen Vagieren von Richard Strauss zu vergleichen) fruchtbar ausgebaut wurde.

Das bei weitem meistgespielte Werk Stephans ist seine Musik für Orchester. Die Partitur zählt nicht nur zu den inspiriertesten und formal überzeugendsten Werken des Komponisten, sondern ist darüber hinaus eines der wichtigsten deutschen Orchesterwerke aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Auf eine langsame Einleitung folgt ein rhythmisch impulsives Hauptthema, dessen synkopisches Drängen zur Leitidee des ganzen Werkes wird. Diesem einheitsbildenden Moment stellt Stephan ein kontrastierendes gegenüber: schroff aufeinanderprallende Blöcke, von bizarrer Grellheit bis zu ermattet abgedämpften Klängen, in denen sich verschiedene Energie- und Emotionsebenen treffen. Die Breite symphonischen Erlebens wird gleichsam auf gedrängtem Raum, in ‚einem Zuge‘ eingebracht. Die verwendeten Techniken weisen auf eine eingehende Vertrautheit mit den zeitgenössischen Kompositionen von Mahler bis Debussy. Die Musik für Orchester profitierte nicht zuletzt auch von der brodelnden Umbruchsituation jener Jahre. Die Musik für Geige und Orchester aus dem Jahre 1913 ist heute seltener zu hören. Stephan versuchte hier sein Prinzip blockhaften Komponierens noch zu verdichten. Es entstand seine wohl komplizierteste Partitur, die ahnen lässt, wozu seine weitere Entwicklung noch hätte führen können. An spontaner Wirkung freilich bleibt dieses Werk – wohl nicht zuletzt wegen seiner differenzierten Struktur – hinter der Musik für Orchester zurück.

Reinhard Schulz

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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