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Werke für Violine und Orchester

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t1 Konzertführer
Robert Schumann
Werke für Violine und Orchester

Den Anstoß für die Komposition der Phantasie für Violine mit Orchester op. 131 und des Violinkonzerts d-moll (op. posth.) gab der mit Schumann befreundete Geiger Joseph Joachim. Beide Werke entstanden zwischen dem 2. September und 3. Oktober 1853, aber nur die Phantasie wurde aufgeführt. Am 27. Oktober desselben Jahres spielte Joachim sie in den Düsseldorfer Abonnementskonzerten; der Erstdruck erschien im Juli 1854. Vom Violinkonzert dagegen ahnte niemand etwas. Die Vorgänge sind seltsam genug: Zunächst galt das Violinkonzert in Schumann Kreis, auch noch nach der Einlieferung des Komponisten in die Heilanstalt, als gelungene Komposition, dann plötzlich stieß sich Clara Schumann an dem Polonaisencharakter des Finales, nachdem äußere Gründe die geplante Uraufführung verhindert hatten. Nach Schumann Tod bat Clara Schumann Joachim, das beanstandete Finale umzuarbeiten, was der Geiger begreiflicherweise ablehnte. So blieb das Violinkonzert unveröffentlicht und erschien auch später nicht in der Gesamtausgabe. Joachim hielt das Manuskript verborgen und nannte seinem Schüler Andreas Moser gegenüber die Gründe:

„Ein neues Konzert von Schumann – mit welchem Jubel würde es von allen Kollegen begrüßt worden sein! Und doch durfte gewissenhafte Freundessorge für den Ruhm des geliebten Tonsetzers nie einer Publikation das Wort reden, so vielumworben es von den Verlegern war. Es muss leider eben gesagt werden, dass eine gewisse Ermattung, welcher geistige Energie noch etwas abzuringen sich bemüht, sich nicht verkennen lässt.“ Es ist aber sehr merkwürdig, dass derselbe Joachim noch im Januar 1854 zwei Proben des Violinkonzerts abgehalten hatte und seinerzeit keine Mängel feststellte! Joachims Sohn erbt das Manuskript und verkauft es an die Preußische Staatsbibliothek. Frühestens hundert Jahre nach Schumann Tod soll es erst freigegeben werden. Zu Schumann Lebzeiten wurde über den Wert oder Unwert des Violinkonzerts nicht debattiert, deshalb ist es völlig unverständlich, wieso die plötzliche Sinnesänderung bei denen, die es genau kannten, eintrat. Im Übrigen haftet dem Konzert auch heute, nachdem es im Druck zugänglich ist, immer noch das Odium des Seltsamen an. Die Vorgänge im 20. Jahrhundert sind denn auch ebenfalls merkwürdig genug: Anfang der dreißiger Jahre wollen zwei Nichten Joseph Joachims in spiritistischen Sitzungen vom Geist Schumann erfahren haben, das Violinkonzert müsse unverzüglich veröffentlicht werden. Tatsächlich gibt die Preußische Staatsbibliothek dem Drängen der Musikwissenschaft und zahlreichen namhaften Geigern, darunter Yehudi Menuhin, nach und gibt das Manuskript, übrigens gegen den Willen der noch lebenden jüngsten Tochter Schumanns, zur Veröffentlichung frei. Das geschieht während des Nazi-Terrors, und das ist auch der Grund, warum Yehudi Menuhin die Uraufführung nicht spielen darf.

Im hochpolitischen Rahmen anlässlich der ‚Gemeinsamen Jahrestagung der Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude‘ dirigiert Karl Böhm das Berliner Philharmonische Orchester am 26. November 1937; der Solist der Uraufführung ist Georg Kulenkampff, der auch bei der kurz darauf produzierten ersten Plattenaufnahme mitwirkt. Im Gegensatz zu der gleichzeitig erstellten Einspielung Menuhins verwendet Kulenkampff stets eine Bearbeitung Paul Hindemiths, was aber verschwiegen wird, da Hindemith zu den unerwünschten Komponisten gehört. Diese Bearbeitung treibt nichts Geringeres als Schindluder mit Schumann Intentionen, indem sie den von Schumann absichtlich recht tief und unvirtuos gesetzten Solopart um Oktaven höher und strahlender versetzt und etliche, angeblich wirkungsvollere, Akkordgriffe hinzufügt. Die Irritationen und vor allem die Innovationen des Schumann’schen Violinkonzerts wurden damit natürlich verstellt. Das Neuartige dieses Werkes besteht in der Haltung des Solisten, der sich in grüblerische Reflexionen über das vom Orchester aufgestellte thematische Material verstrickt und in der Durchführung des ersten Satzes sogar in eine Art depressiver Phase (!) verfällt, wie man sie in der Musik sonst wohl kaum kennt. Das Hauptthema klingt wie der Beginn einer ungeschriebenen Symphonie Bruckners, während das Aussingen des Seitenthemas ganz in die verinnerlichten Bereiche des Romantisch-Lyrischen versinkt, besonders in der Exposition des Solisten. Dieser Tonfall beherrscht dann den ganzen außerordentlich dichten Mittelsatz, der nichts Anderes ist als ein unerschöpflicher, konzentrierter Gedankenstrom, unterbrochen von einem bizarren Vorgriff auf die Polonaise des Finales. Der Polonaisencharakter ist im Finale gewissermaßen modellhaft auskomponiert, verzichtet auch nicht auf ausdrücklich virtuose Passagen ‚a capriccio‘ und lässt von einem angeblichen Nachlassen der schöpferischen Kräfte des körperlich bereits zerfallenden Schumann nichts ahnen. Trotz des Verdikts durch Clara Schumann und Joseph Joachim scheint es nicht gerechtfertigt, das Violinkonzert so zu missachten, wie es bis heute geschieht.
Dietmar Holland

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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