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Symphonie Nr. 5 e-moll op. 64

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t1 Konzertführer
Pjotr Tschaikowsky
Symphonie Nr. 5 e-moll op. 64

Die Symphonie Nr. 5 e-moll, die Tschaikowsky nach seiner erfolgreichen Europa-Tournee im Sommer 1888 in seinem Urlaubsdomizil Frolowskoje vollendete, gilt den Tschaikowsky-Verächtern seit jeher als Negativexempel für unkritische ‚decadence‘ und symphonische Effekthascherei. Insbesondere der mächtige Finalsatz wird immer wieder für prätentiöse, aufgedonnert-lärmende Schlussherrlichkeit angeführt, während das berühmte Hornthema des zweiten Satzes als zu vordergründig traurig, zu theatralisch wehmütig und darum zu wenig symphonisch-ernsthaft getadelt wurde (und noch immer wird); Adorno nannte den Satz sogar „Kitsch“ und rückte ihn in die Nähe des Kolportagekinos: „Sonnige Mondnacht (!) an der Krim, Garten des Generals, helle Wolken, Bank unter Rosen...“ Freilich hatte Adorno damit, wie schon so viele vor ihm, ein weiteres Mal nur die starke Bildhaftigkeit und Assoziationsfülle von Tschaikowskys Musik bestätigt. Tschaikowsky selbst hatte durch einige unbedachte Äußerungen die Vermutungen bestärkt, dass auch der Fünften eine Art von Programm zugrunde liegen könnte. In sein Tagebuch schrieb er: „Programm des ersten Satzes der Symphonie, Introduction: Völlige Ergebung in das Schicksal, oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschlag der Vorsehung. Allegro I: Murren, Zweifel, Klagen, Vorwürfe.“ Zum zweiten Satz: „Soll ich mich dem Glauben in die Arme werfen???“

Wie dem auch sei: Kompositorisch-formal ist die Fünfte eine völlig korrekt gearbeitete ‚autonome‘ viersätzige Instrumentalsymphonie, eine der am stärksten durchgeformten Arbeiten Tschaikowskys überhaupt, der Kopfsatz das Muster eines nach allen klassischen Regeln ausgeführten Sonatensatzes. Das ganze Werk wirkt wie aus einem Guss, fernab von jedem akademischen Schematismus. Tschaikowsky-Biograph Richard Stein würdigte zu Recht „die innere Zusammengehörigkeit aller Themen und Motive, die zwingende Logik der gesamten Entwicklung und das Festhalten an einer Grundstimmung, einer nicht weichlich-wehmütigen, sondern herb-stolzen Resignation“.
Dass die beiden Binnensätze der Symphonie, das Andante cantabile und der Walzer, zu wenig symphonisch-streng, stattdessen eher statisch und genreartig wirken, liegt nicht an ihrer Faktur, sondern der spezifischen Haltung der Musik, die dem lyrischen Element, der Melodie, der Szenerie, den Vorzug gibt gegenüber der traditionellen dramatischen Symphoniekonzeption: Die Vorführhaltung der klassischen Symphonie muss in diesen Sätzen der Erzählung Tschaikowskys weichen. Die dramatisch-leidvolle Gegenwart der Ecksätze wird hier für kurze Zeit von schönen Erinnerungen an vergangene, teils hoffnungsvoll-beschauliche (zweiter Satz), teils angenehm-heitere (dritter Satz) Situationen überlagert – wenngleich auch hier das unerbittliche Schicksalsmotiv sich mehrmals in den schönen Traum der Vergangenheit drohend einmischt.
Und dann folgt jenes umstrittene Finale, in dem das dunkelbedrohliche Schicksalsthema sich aufdringlich und lärmend, jedoch nicht ungebrochen sieghaft in sein ‚optimistisches‘ Gegenteil verwandelt. Lassen wir dieser Musik wirklich Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir sie weiterhin nur als blanke Selbstbestätigung, als bombastisch-hohle Triumphgeste, als wüste Kosakenherrlichkeit abtun und wenn wir ihren eigenen inneren Zwiespalt, ihren schmerzlichen Widerspruch, den sie auch ertönen lässt, einfach überhören? Ist es denn undenkbar, dass Tschaikowsky mit der durchaus zwanghaften Wendung des genuinen Moll-Motivs nach Dur nicht auch seine eigene Skepsis ausdrücken wollte gegenüber seinem eigenen, in jener Zeit plötzlich ins Positive umschlagenden Schicksal – und er darum den plötzlich ihn umgebenden Jubel womöglich nur als laute, dröhnende Äußerlichkeit wahrnahm?? Wird so besehen im Allegro vivace-Teil, der eigentlichen Hauptsache des Schlusssatzes, die festliche Fassade des Hauptthemas nicht geradezu ‚aufgebrochen‘, um die wahre innere Gefühlswelt, das innere Leid, einer gehetzten, zerrissenen und hoffnungslos verzweifelten Existenz schmerzlich und drastisch vor uns auszubreiten...? Die Mär vom ‚Salonkomponisten‘ Tschaikowsky gehörte schon längst auf den Müllhaufen der Musikgeschichte.
Attila Csampai

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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