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Symphonie Nr. 4 f-moll op. 36

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t1 Konzertführer
Pjotr Tschaikowsky
Symphonie Nr. 4 f-moll op. 36

Dem Jahr 1877 kommt in Tschaikowskys Leben und Schaffen eine entscheidende Bedeutung zu. In diesem Jahr begann zwischen ihm und der vermögenden Witwe Nadjeschda von Meck eine der merkwürdigsten und fruchtbarsten Brieffreundschaften der Musikgeschichte, aus der im Verlauf von vierzehn Jahren mehr als 1200 (!) Briefe hervorgingen, ohne dass die beiden sich jemals begegnet wären. Die musikliebende Frau von Meck hatte selbst die materiellen Voraussetzungen dieser Verbindung geschaffen, indem sie sich entschlossen hatte, den damals noch nicht sehr erfolgreichen Tschaikowsky jährlich mit 6000 Rubel zu unterstützen. So konnte der seine verhasste Lehrtätigkeit am Moskauer Konservatorium aufgeben und sich ganz dem Komponieren widmen. Im selben Jahr trat eine weitere Frau, wenn auch nur kurzfristig, in Tschaikowskys frauenloses Leben: seine vormalige Schülerin Antonina I. Miljukowa, die er, ohne sie näher zu kennen, unter der Zwangsvorstellung, plötzlich heiraten zu müssen („...wer es auch immer sei...“), am 18.Juli völlig überstürzt ehelichte. Wenige Wochen später ging diese ‚Verbindung‘ für immer in die Brüche (auch wenn die Ehe offiziell nie aufgelöst wurde).

Die dramatischen persönlichen Erfahrungen dieser Zeit wirkten sich umgehend auf Tschaikowskys Schaffenskraft, aber auch auf seine Karriere aus. Noch im selben Jahr legte er sowohl im symphonischen wie auch im musikdramatischen Bereich den Grundstein zu seinem späteren Weltruhm. Beinahe gleichzeitig entstand die Oper Eugen Onegin (vollendet am 23.Januar 1878) und die seiner Gönnerin (a mon meilleur ami) gewidmete Symphonie Nr. 4 in f-moll (vollendet am 11.Januar 1878), in der, wie er später bekannte, „meine Erinnerungen an die Leidenschaftlichkeit und Trübseligkeit meiner Empfindungen und Erfahrungen [seiner kurzen Ehe; A. C.] Widerhall fanden“. Kurz nach der Moskauer Uraufführung „ihrer Symphonie“ am 10. (22.) Februar 1878 bat Frau von Meck den in Florenz weilenden Komponisten, ihr das „Programm“ der Vierten zu erläutern. In seiner berühmt gewordenen Antwort vom 1.März 1878 unternahm Tschaikowsky dann zum ersten Mal den Versuch, den Inhalt eines Instrumentalwerkes begrifflich zu umschreiben, indem er den Themen und Gedanken der Symphonie Begriffe wie „Schicksalsgewalt“, „Hoffnungslosigkeit“, „Freude“, „Glück“, „Schwermut“ etc. zuordnete, damit aber im Grunde ein konkretes literarisches Programm ebenso ausschloss, wie die Vorstellung außermusikalischer Gegenstandsbeschreibungen (etwa einer Naturschilderung). Und obwohl sich Tschaikowsky später nicht mehr zu einer solch ausführlichen Deutung seiner Musik bewegen ließ, fühlten sich dennoch viele durch diesen Brief angeregt, Tschaikowskys Gesamtwerk zur Spielwiese ihrer Auslegungskünste zu machen. Dass dieser Versuch, lediglich „die unklaren Gefühle zu beschreiben, die einen beim Komponieren bewegen“, zu Missverständnissen führen könnte, ahnte der Komponist bereits bei der Niederschrift seiner Gedanken.
Im Postskriptum desselben Briefes überkommen ihn bereits ernste Zweifel: „Als ich den Brief in den Umschlag stecken wollte, las ich ihn nochmals durch und war entsetzt über die Unklarheit und Mangelhaftigkeit des Programms, das ich Ihnen schicke.“ Trotz seiner grundsätzlichen ästhetischen Problematik belegt Tschaikowskys „Programm“ eindeutig, dass es ihm nicht darum gegangen ist, Programmmusik im engeren Sinn zu komponieren, eine Geschichte zu erzählen oder eine Szenerie zu beschreiben, sondern vielmehr den inneren psychisch-emotionalen Reflex auf konkrete Erlebnisse und Erfahrungen, also die Gefühle und Empfindungen, die durch das wirkliche Leben ausgelöst werden, in Töne zu setzen. Einen ähnlichen Weg hatte zu Beginn des Jahrhunderts schon Beethoven in seiner Pastorale eingeschlagen, die Existenz eines konkreten „Programms“ aber durch den Vermerk „mehr Ausdruck der Empfindung als Mahlerey“ entschieden in Abrede gestellt. Hier nun einige zentrale Passagen aus Tschaikowskys detaillierter Inhaltangabe seiner vierten Symphonie:
„Die Introduktion ist der Kern der ganzen Symphonie und ohne Zweifel deren Hauptgedanke. Es ist das Fatum, jene Schicksalsgewalt, die uns hindert, mit Erfolg um unser Glück zu kämpfen, die eifersüchtig darüber wacht, dass und Frieden niemals vollständig oder unumwölkt sind, die wie ein Damokles-Schwert über unseren Häuptern hängt und unablässig unsere Seele vergiftet. Sie ist unbesiegbar, sie kann nicht überwunden werden. Man muss sich ihr unterwerfen und zu einem unfruchtbaren Sehnen Zuflucht nehmen (Moderato con anima). Das untröstliche, hoffnungslose Gefühl wird stärker und quälender. Wäre es nicht besser, sich von der Wirklichkeit ab und Träumen zuzuwenden (Takt 115ff)? O Freude! Wenigstens ein süßer, zarter Traum ist erschienen. Eine segenbringende, umleuchtete, menschliche Gestalt huscht vorbei und winkt irgendwie (Takt 135ff). Wie wundervoll!! Wieweit weg ist nun das unerwünschte erste Thema! Allmählich haben die Träume die Seele völlig eingewickelt. Alles, was zuerst düster und freudlos schien, ist vergessen. Hier ist es: Das Glück! Aber nein! Es waren nur Träume, und das Schicksal weckt uns davon auf (Takt 193ff). Und so ist das ganze Leben ein nicht endendes Hin und Her zwischen der rauhen Wirklichkeit und flüchtigen Visionen und dem Träumen von Freude...
Der zweite Satz... drückt das schwermütige Gefühl aus, das mich am Abend überkommt, wenn ich müde von der Arbeit allein da sitze... vielerlei jagt durch den Sinn... glückliche Augenblicke... aber auch solche der Niedergeschlagenheit. Alles ist schon wieder weit weg! Es ist traurig und auch wieder süß, sich in der Vergangenheit zu verlieren!

Der dritte Satz... besteht aus launischen Arabesken, flüchtigen Bildern, die die Phantasie durchstreifen, wenn man etwas Wein getrunken hat... Die Seele ist weder glücklich noch traurig. Man denkt an nichts. Man lässt der Phantasie die Zügel schießen, und aus irgendeinem Grund fängt sie an, sonderbare Bilder zu entwerfen... diese unzusammenhängenden Bilder... haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun; sie sind fremdartig, wirr und ohne Verbindung miteinander.
Der vierte Satz: Wenn man nicht genügend Grund hat, das Glück bei sich selbst zu finden... mische man sich unter die Menschen, sehe, was für eine gute Zeit sie haben, wie sie sich völlig freudigen Gefühlen überlassen. Ein Bild von volkstümlicher Feiertagsstimmung!...Doch das unerbittliche Schicksal erscheint von neuem und erinnert uns an die Gegenwart. Aber den anderen ist man gleichgültig... O wie fröhlich sie sind! Man tadle sich selbst und sage sich, dass nicht alles in der Welt traurig ist... Man schöpfe Glück aus den Freuden anderer! So ist das Leben immerhin tragbar!“
Attila Csampai

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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