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Symphonie Nr. 3 D-dur op. 29

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t1 Konzertführer
Pjotr Tschaikowsky
Symphonie Nr. 3 D-dur op. 29

Der gegen die frühen Symphonien Tschaikowskys häufig gerichtete Einwand, sie seien suitenhaft, zu stark von Ballettmusik inspiriert und entbehrten jener symphonischen ‚Strenge‘, die etwa die deutsche Tradition kennzeichne, könnte man noch am ehesten an der dritten Symphonie verifizieren, die Tschaikowsky im Sommer 1875, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schwanensee, seinem ersten großen Ballett, komponiert. Als einzige seiner sechs Symphonien ist sie fünfsätzig und steht in einer Dur-Tonart (D-dur), was möglicherweise den Eindruck des Suitenhaft-Unverbindlichen verstärkt hat. Freilich wird man in der Dritten die für Tschaikowsky so typischen plötzlich einbrechenden düsteren oder schmerzlichen Gedanken vergeblich suchen. Die Grundhaltung der Dritten ist eher heiter-beschaulich bis festlich-brillant. Die Fünfsätzigkeit gemahnt überdies an berühmte Vorbilder, an Beethovens Pastorale ebenso wie an Berlioz' Symphonie fantastique oder Schumanns Rheinische Symphonie. Am deutlichsten spürt man dies im dritten Satz, einem idyllischen Andante elegiaco, das in Ablehnung an Beethovens ‚Szene am Bach‘ und Berlioz'

‚Scene aux Champs‘ die Schilderung einer russischen Szene auf dem Land versucht. Die anderen vier Sätze sind eher von tanzartigen Vorstellungen geprägt: Ein lakonischer Alla Tedesca-Walzer mit russisch-dunklem Ton in c-moll an zweiter Stelle und ein märchenhaft verzaubertes Scherzo im Stil Mendelssohns und Gunkas mit einem militärischen, Aufbruchstimmung verbreitenden Trio unterstreichen den suitenartigen Charakter des Werkes ebenso wie die Ecksätze, die festliche, repräsentative Ballettszenerie in symphonisch durchgearbeiteter Form präsentieren. Der stark von Bühnenbewegungen geprägte Charakter der Dritten zeigt sich bereits in der langsamen Einleitung zum festlich-strahlenden Kopfsatz, die in Anlehnung an zahlreiche Opern- und Ballettszenen Tschaikowskys das zeitliche Vorher, die spannungsvolle Erwartungshaltung, die Vorfreude vor dem glänzenden Ereignis, nach dem für Tschaikowsky so typischen soghaften Steigerungsprinzip realisiert: Ein 89 Takte langer riesiger symphonischer Doppelpunkt auf der Dominante A, der den eigentlichen Beginn der Symphonie mit allen Mitteln kunstvoll hinauszögert, zeigt die Gefährdung des romantischen Subjekts durch seine eigenen ‚Es‘-Energien an. Freuds Theorie vom Triebverzicht durch Sublimation wird in Tschaikowskys bis zum äußersten hinausgezögerten Steigerungswellen zum kompositorischen Prinzip.
Attila Csampai

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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