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Symphonie Nr.1 g-moll op. 13 (Winterträume)

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t1 Konzertführer
Pjotr Tschaikowsky
Symphonie Nr.1 g-moll op. 13 (Winterträume)

Ermutigt durch den Erfolg seiner ersten Orchesterkomposition, der Ouvertüre in F-dur, die im März 1866 in Moskau von Nikolaj Rubinstein uraufgeführt worden war, entschloss sich der sechsundzwanzigjährige Tschaikowsky, seine erste Symphonie zu komponieren. Da ihn seine Lehrtätigkeit am Moskauer Konservatorium, die er kurz zuvor angenommen hatte, tagsüber voll in Anspruch nahm, war er gezwungen, nachts an seiner Symphonie zu arbeiten, was mit der Zeit übermäßig an seinen Kräften zehrte. Bald litt er an Schlaflosigkeit, Angstzuständen und sogar an Halluzinationen, sodass der behandelnde Arzt ihn bereits „am Rande des Wahnsinns“ glaubte und die Nachtarbeit verbot. So vollendete Tschaikowsky die Symphonie erst in den darauffolgenden Sommerferien, die er auf dem Land in der Nähe von St. Petersburg verbrachte. Die Aufführung der vollständigen Partitur in der ersten Fassung ließ aber noch weitere anderthalb Jahre auf sich warten, da Anton Rubinstein, der frühere Petersburger Lehrer Tschaikowskys, das Werk zunächst für nicht aufführungswürdig hielt. Darum erklangen bei der ersten Petersburger Aufführung am 11. Februar 1867 nur die Mittelsätze der Symphonie, da diese Rubinstein noch am meisten zusagten, und zwar, wie zu erwarten war, ohne jeden Erfolg. Die Premiere der vollständigen Symphonie, die nach weiteren Umänderungen ziemlich genau ein Jahr danach in Moskau erfolgte, wurde dagegen vom Publikum begeistert aufgenommen. Kaschkins Bericht zufolge soll Tschaikowsky auf der anschließenden Feier vor Freude alle Anwesenden abgeküsst und sämtliche Gläser zerschlagen haben.

Bereits dieses Jugendwerk Tschaikowskys ist deutlich geprägt von typisch russischen ‚lntonationen‘, das heißt von Themen und Motiven, die sich in Duktus und Rhythmus am russischen Volkslied orientieren. Alles andere, die eigentliche kompositorische Arbeit, knüpft an westlichen Vorbildern an, an Beethovens thematischer Arbeit, am Orchesterklang, der romantischen Ästhetik Schumanns und Mendelssohns; daneben ist ein direkter russischer Einfluss durch den Orchestersatz in den Opern Gunkas nicht zu leugnen. All diese Einflüsse verarbeitet Tschaikowsky bereits hier zu einer eigenständigen ästhetischen Position, die in einem unverwechselbaren symphonischen ‚Ton‘ Klanggestalt annimmt. Seine drei Quellen sind: Strenge, am klassisch-frühromantischen Vorbild orientierte symphonische Form; eine ‚russisch‘ gefärbte Thematik und Melodiebildung; eine stark von subjektiven Wahrnehmungen und Gedanken geprägte programmatische Tendenz, die weniger objektivistisch literarische Vorlagen oder Naturereignisse musikalisch nachzuzeichnen versucht, als vielmehr den subjektiven Reflex darauf, die emotionale Wirkung solcher Ereignisse in der Erlebnissphäre des Betrachters musikalisch gestaltet. So tragen die ersten beiden Sätze der Symphonie programmatische Überschriften, die beiden letzten aber die konventionellen Bezeichnungen Scherzo und Finale. Der Kopfsatz, von Tschaikowsky mit Träumerei von einer winterlichen Fahrt überschrieben, ist gleichwohl ein nach allen Regeln streng gearbeiteter Symphoniesatz. Die offene, bühnenhafte Konfrontation von Themen und Gestalten im klassischen Satz ist hier aufgegeben zugunsten einer Erzählhaltung, die beinahe wehmütig, bereits Geschehenes aus der Erinnerung einer durch Bilder angeregten Phantasie schildert: hier die Troikafahrt durch eine verschneite russische Winterlandschaft. Manche haben den flimmernden Anfang der Symphonie, die Luftbewegung in den Geigen, mit Bruckner verglichen; mit Bruckner, dem Mystiker, hat Tschaikowsky nichts zu tun. Bruckners Anfänge entbehren jenes inneren Antriebs, jener nervigen Gespanntheit und Spannung, die Tschaikowskys Musik ständig mit Leben erfüllt und ihr eine Sinnlichkeit verleiht, die weder Depression noch Sentimentalität kennt, sondern nur die pure Lust am Musizieren, die Lust am plastisch geformten, konturierten, ‚ausgehörten‘ Klang. Diese dramatisierte Klangvitalität, die sämtliche Parameter des musikalischen Gestaltens dem Prinzip der Steigerung unterwirft, sei es Dynamik, Harmonik, Melodie oder Rhythmus, diese lebensbejahende Musik hat nichts zu tun mit der im Grunde depressiven Ästhetik Bruckners oder Wagners. Tschaikowsky führt den dramatischen Erzählstil in die romantische Symphonie ein, ähnlich verfuhr Verdi in der Oper. Tschaikowskys symphonischer Stil ist geprägt von starker Bildhaftigkeit und inspiriert von Bühnenbewegungen, vom Tanz und vom leidenschaftlichen Monolog.
Attila Csampai

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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