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Rapsodie espagnole (1907)

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t1 Konzertführer
Maurice Ravel
Rapsodie espagnole (1907)

Die viersätzige, aber dennoch durchkomponierte Rapsodie espagnole ist das erste wichtige Orchesterwerk Ravels. Sie entstand in dem Jahr, das man als das ‚spanische‘ Jahr des Komponisten bezeichnen könnte, denn gleichzeitig komponierte er auch die als Wiedererweckung der opera buffa gemeinte musikalische Komödie (in einem Akt) L'Heure espagnole und die Vocalise – Etude en forme de Habanera für Gesang und Klavier, die später in instrumentaler Fassung als Pièce en forme de Habanera sehr bekannt wurde. Eine ‚Habanera‘ enthält auch die Rapsodie espagnole (als dritten Satz), und sie ist das einzige Stück daraus, das bereits wesentlich früher, 1895, komponiert wurde, und zwar als erstes Stück der Sites auriculaires für zwei Klaviere zu vier Händen. (Der Titel wäre in etwa zu übersetzen mit ‚gehörte Landschaften‘ oder ‚Landschaften fürs Ohr‘.) Es ist erstaunlich, dass sie keineswegs aus dem musikalischen Zusammenhang durch eklatanten Stilbruch herausfällt; ganz im Gegenteil. Das zeigt, wie sich bereits der junge Ravel seiner musikalischen Sprache sicher war, sodass er solche Stücke bruchlos in später komponierte einfügen konnte. Hinzu kommt bei der Rapsodie espagnole die Klangsprache des Orchesters, die gerade in der ‚Habanera‘ die ungreifbare, schwebende und rhythmisch sehr raffinierte Atmosphäre eines etwas ‚verruchten‘ Charakters in ein überzeugendes klangliches Gewand hüllt. Die ‚Habanera‘ unterscheidet sich aber trotzdem dadurch von den anderen drei Sätzen (‚Prélude à la nuit‘, ‚Malagueña‘ und ‚Feria‘), dass in ihr das anfängliche, viertönig schleichende, absteigende Ostinato-Motiv völlig fehlt.

Die musikalische Beschwörung des geheimnisvollen und zugleich eminent sinnlichen Spanien war nichts Neues in der französischen Musik, ja selbst bei Nikolai Rimskij-Korsakow gibt es ein orchestertechnisch brillantes Capriccio espagnol (1888), sogar auf originale spanische Themen. Seit Emanuel Chabriers Orchesterstück Espafia (1883), über das sich später Erik Satie in seinem Klavierstück Espafiafia lustig machte, gab es eine Fülle von ‚spanischen‘ Orchesterwerken, die mit viel Aufwand einen musikalischen Eindruck spanischen Lokalkolorits zu geben versuchten. Aus ihnen ragen zwei konträre, beide gleichermaßen singuläre Beschwörungen Spaniens heraus: Ravels Rapsodie espagnole, und Claude Debussys ‚lberia‘, der Mittelteil seines Orchester-Triptychons Images (1906 bis 1912). Beide verzichten, Debussy freilich nicht ganz, bezeichnenderweise auf direkte Melodiezitate spanischer Volksmusik, die denn auch allein nicht genügten, um den musikalischen Eindruck von Spanien erwecken zu können. Doch unterscheiden sie sich schroff in der Auffassung der spanischen Sinnlichkeit: Ravel, der als Baske eher eine Affinität zu Spanien besaß als der Franzose Debussy, der auch niemals dort war, entwirft ein dialektisches Spanien-Bild mit ebenso grellen Farben wie auch untergründigen Zügen – das schleichende Anfangsmotiv lässt kaum Gutes ahnen –, während Debussy die ‚evocation‘ selbst betreibt und sich mit den rein äußeren Erscheinungen, in Klang ‚übersetzt‘ – allerdings in einen ganz ungewöhnlichen –, zufrieden gibt. Ravel dagegen dringt weiter vor: Er zielt ab auf die gleichsam katastrophische Sinnlichkeit Spaniens und dringt in das Wesen der Musik Spaniens (nicht der spanischen Musik) ein; deshalb kann er auf jenen „andalusischen Tingeltangel“ (Konrad Boehmer), den so viele Spanien-Stücke aufbereiten, völlig verzichten. (Das tut Debussy freilich auch.) Die bedrohlichen musikalischen Visionen Ravels tragen die ganze Gefährlichkeit einer unbezähmbaren Sinnlichkeit, die auch unberechenbar ist, in sich, mit „einem Orchester, das in seiner Gewalt einmal die elektrische Geschmeidigkeit einer Katze, bald die Wildheit einer Naturkraft hat, einem rasenden, hüpfenden, elastischen Orchester, das grausam zu stechen, aber auch sanft zu streicheln vermag“ (Vladimir Jankelevitch). Der Mensch, der bei Debussy fehlt, ist bei Ravel der Spiegel der Eindrücke, die er als Hintergründigkeit zurückwirft. Und der orgiastische Schluss – bei Ravel gibt es fast nur orgiastische, chaotische Abschlüsse – des ‚Feria‘-Satzes bricht einfach ab, als er sich seines zerstörerischen Taumels bewusst wird.
Dietmar Holland

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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