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Ma mère l'oye (1908; orch. 1911)

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t1 Konzertführer
Maurice Ravel
Ma mère l'oye (1908; orch. 1911)

Ma mère l'oye, Kinderstücke für Klavier zu vier Händen, stammen aus dem Jahre 1908. Die Absicht, in diesen Stücken die Poesie der Kindheit wachzurufen, hat mich dazu geführt, meine Art zu vereinfachen und meine Schreibweise durchsichtiger zu machen. Ich habe aus diesem Werk ein Ballett gemacht, das vom Théâtre des Arts einstudiert wurde. Das Werk wurde in Valvins für meine jungen Freunde Mimie und Jean Godebski geschrieben“ (Ravel in seiner Esquisse autobiographique). Die Uraufführung der Ballettfassung von Ma mère l'oye, für die Ravel die Klavierversion nicht nur orchestrierte, sondern auch zwei neue Stücke sowie vier Zwischenspiele hinzufügte, fand am 21. Januar 1912 in Paris statt, in der Choreographie von Jeanne Hugard, und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Gleichzeitig fertigte Ravel eine zweite Orchesterfassung für den Konzertsaal an, die auf die Zusätze des Balletts verzichtet: eine Instrumentation der ursprünglichen fünfteiligen Klavierkomposition.

Den eigenartigen Titel Ma mère l'oye (wörtlich ‚Geschichten der Mutter Gans‘, sinngemäß am besten ‚Ammenmärchen‘) übernahm Ravel – seinem ausgeprägten Hang zur Kopie, Travestie und Fälschung folgend – ungeniert von der literarischen Vorlage seiner Märchensuite, von der gleichnamigen Märchensammlung des berühmten Charles Perrault (1628-1703) aus dem Jahre 1695. (Perrault ist der Schöpfer vieler bekannter Märchenfiguren wie des Rotkäppchens, des gestiefelten Katers, des Aschenputtels oder des Blaubarts.) In Ravels Suite beziehen sich dennoch nur zwei der fünf Stücke auf Perraultsche Märchen, nämlich die am Anfang stehende ‚Pavane der schlafenden Schönen im Wald‘, bei uns besser bekannt als ‚Dornröschen‘, sowie ‚Der kleine Däumling‘, dessen Vorlage dem ‚Hänsel und Gretel‘-Stoff der Gebrüder Grimm stark ähnelt. Die Titelfigur des dritten Satzes ‚Laideronette, Kaiserin der Pagoden‘, ist eine Schöpfung der Gräfin Marie Catherine d'Aulnoy (1605-1705), während das traurige Märchen von der ‚Schönen und dem Tier‘ aus der Feder der Gräfin Leprince de Beaumont (1711-1780) stammt.

Die ‚Pavane des Dornröschens‘ (‚Pavane de la Belle au bois dormant‘) ist eine der zartesten, eindringlichsten und wohl auch kürzesten Schöpfungen Ravels. Mit einfachsten Mitteln, einer kindlichen, friedlich in sich kreisenden Melodie gelingt es Ravel, sowohl die verzauberte Stimmung des ruhenden Märchenwaldes in seiner Unberührtheit als auch die magisch-morbide Aura der schlafenden Prinzessin einzufangen, in deren Antlitz sich Schönheit und Blässe, Kindheit und Tod, Vergangenheit und Ewigkeit, Traum und Hoffnung auf wundersame Weise durchdringen.
Der ‚Kleine Däumling‘ (‚Petit Poucet‘) ist von einer eigenartigen, fahlen und bohrenden Achtelbewegung stufenweise ansteigender und mehrmals plötzlich abbrechender Terzen geprägt, die sich dann mit der Oberstimme zu altertümlicher, fauxbourdonartiger Parallelakkordik ausweiten. Die durch ständige Taktwechsel angezeigten unterschiedlich langen Terzenketten stehen für das ängstliche und ziellose Umherirren der im dunklen Wald ausgesetzten Geschwister, die, händchenhaltend und sich beschützend, verzweifelt immer wieder die Richtung ändern, um dem bedrohlichen Dunkel zu entfliehen.

Der chinesische Schauplatz des dritten Satzes (‚Laideronette, Imperatrice des Pagodes‘) regte Ravel zu einer Fälschung chinesischer Musik an; den Größenverhältnissen des Märchens gemäß komponierte er ‚chinesische‘ Spieldosenmusik, ein heiteres Miniatur-Märschchen in Diskantlage, in dem das ganze Arsenal chinesischer Schlaginstrumente aufgeboten ist. Die Oberstimme verwendet nur Töne, die denen der schwarzen Klaviertasten entsprechen, und macht so auf originelle Weise die chinesische Fünftonleiter deutlich.
‚Die Gespräche zwischen der Schönen und dem Tier‘ (‚Les entretiens de La Belle et de La Bête‘) schildern in gedrängter Form den Hauptstrang der Märchenhandlung: Die Begegnung, der Konflikt und die Vereinigung des ungleichen Paars. Zunächst erklingt der auf milde weiße Klänge gebettete mädchenhaft-scheue, aber tief erotische Walzer der Schönen, dem das in extremer Tiefe grunzende, düstere, hässliche Thema der Bestie folgt. Eine lebhafte Unterhaltung entspinnt sich zwischen ihnen, in deren Verlauf das erregt immer höher steigende Motiv der Bestie bis in die ‚menschlichen‘ Bereiche der Schönen (g') vordringt. Ihre seelische Vereinigung vollzieht der Komponist durch die kontrapunktische Zusammenführung ihrer grundverschiedenen Themen zu einer neuartigen, erotischen Melodie-Bass-Beziehung. Ein Harfenglissando kündigt die Rückverwandlung der Bestie in den Prinzen an, indem es das Motiv der Bestie aus den Tiefen des bösen Zaubers in die höchsten sphärischen Höhen emporhebt, wo es sich im hellsten Licht in den süßesten Engelsgesang verwandelt.

‚Der Feengarten‘ (‚Le jardin féerique‘), als einziger Satz ohne Märchenprogramm, bildet die feierliche Schlussapotheose des Märchenreigens. Es ist Ravels besinnlicher, sanft-melancholischer Hymnus an die unbeschädigte, humane, verzauberte Seele des Kindes, die er selbst sein Leben lang sich zu bewahren suchte, ein friedlicher Abschluss in Güte, und darin eines Sinnes mit dem wunderbaren Schlusschor seiner späteren Oper L 'Enfant et Les Sortilèges, in dem die Tiere die Güte des Menschenkindes preisen, zu folgenden Worten Colettes: „Es ist gut, das Kind, es ist weise. Es ist so sanft.“
Attila Csampai

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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