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Symphonie Nr.100 G-dur (Militär-Symphonie)

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t1 Konzertführer
Joseph Haydn
Symphonie Nr.100 G-dur (Militär-Symphonie)

Diese Anti-Militär-Symphonie ist von erschreckender Aktualität: Nie zuvor wurde in Musik ein solches Plädoyer gegen Brutalität und für liebevolle Zartheit gesprochen als hier. Im Allegretto-Satz erzählt Haydn eine kleine Geschichte, die sich jedoch unversehens ausweitet zum Bewusstwerden der Realität, konkret: der militärischen, die in die erzählte ‚Romanze‘ unbarmherzig hereinbricht und es schafft, dass der Romanzenton sich scheu zurückzieht und am Ende nicht mehr den Elan hat, mit dem er ins Geschehen eintrat: „Ein bitterer, herbstlicher Geruch steigt über der Musiklandschaft auf“ (Heinrich Eduard Jacob). Nach dem brutalen Einbruch des Militärsignals (sogenannte ‚türkische‘ Musik mit Schlagwerk) in die Idylle ist es vorbei mit dem 18. Jahrhundert:

„Der ältere Haydn weiß: Das Vergangene ist unwiederbringlich. [...] So gleicht er einem Manne, der bedauernd und fröstelnd die Kulissen von der Bühne trägt“ (H. E. Jacob). Die kriegerischen Schlaginstrumente bedeuten, in der Äquivokation des ‚Schlagens‘, zugleich Mut und Angst, Angriff und Qual, so als würde ein Mensch gepeinigt. Der Schrecken, den das Metallgeräusch der Triangel mit Ringen und der Becken, ferner die türkische Trommel, die sowohl mit einer Keule als auch, gewissermaßen ‚peitschend‘, mit einer Rute geschlagen wird, verbreiten, veranlasst die Musik, zur c-moll-Klage zu werden, wie man sie bei Haydn nicht erwarten würde. Dass er keine Glorifizierung des ‚Militärischen‘ musikalisch im Sinn hatte, zeigt sich auch daran, wie konsequent er auf stolze oder anfeuernde Marschcharaktere verzichtet hat; die gibt es erst im Schlusssatz der gegen Napoleon gerichteten Symphonie Nr. 7 Beethovens. Haydns Militär-Symphonie dagegen ist von „irisierender und oft geisthaft-kühler Zartheit“ (H. E. Jacob), ein Dokument für den moralischen Sieg des Differenzierten über der nackten Gewalt und zugleich die Einsicht in die eigene Vergänglichkeit.

Nach der langsamen Eröffnung, die in zwei Schüben der Dominante zusteuert und dabei die dunkle Welt, die Eintrübung des Allegretto-Satzes vorwegnimmt (Takte 14 bis 16), beginnt der Hauptsatz verblüffend mit einem Holzbläserthema, dessen ‚militärischer‘ Charakter einzig im Klang und keineswegs im Rhythmus liegt. Die Originalität dieses Hauptthemas ist ohnegleichen. Das absichtlich locker und munter gehaltene, episodische Seitenthema enthüllt erst in der Durchführung dunklere Seiten seines Charakters. Die zwei Takte Generalpause zu Beginn der Durchführung machen gleichsam Platz für diesen Charakterwechsel, der zugleich eine Umkehrung des Themenverhältnisses zur Folge hat, denn das Hauptthema wird nun zur (fragenden) Episode (Takte 170 bis 177).

Die Einbrüche der ‚militärischen‘ Realität ereignen sich auch drastisch im weiträumigen Finale, das wieder als differenzierte Mischform aus Rondo- und Sonatengeist angelegt ist und ungeahnte Durchblicke in Entlegenes freigibt, so, wenn etwa aus einem unscheinbaren, zweitönigen Schlussmotiv (erstmals Takt 74) gar ein fremdartiges Fugato wird (ab Takt 166, nach einer bedeutungsvollen Generalpause) oder die Pauke brutal dazwischenfährt (Takt 122) und der Satzverlauf ins Ungewisse führt. Wiederum ist es kein bloßer ‚Kehraus‘-Satz, sondern das Höchstmaß einer musikalischen Gedankenarbeit, die diesmal übrigens sogar das Menuett erfasst, denn es ist in rudimentärer Sonatenform gearbeitet mit einer Durchführung des anfänglichen Doppelschlagmotivs. Während es zunächst auftaktig war, tritt es in dem durchführungsartigen Mittelteil insistierend abtaktig auf, und zwar im Bass, als metrischer Gegenstoß zu den Oberstimmen. Haydns bewusster Umgang mit metrischer Betonungsordnung und rhythmischer Ausfüllung des Taktes wird hier einmal mehr deutlich. Das ist seine Art der ‚motivisch-thematischen Arbeit‘.
Vermutlich ist die Symphonie Nr. 100 erst nach der als Nr.101 gezählten entstanden; zumindest wurde sie erst nach dieser, am 31. März 1794, uraufgeführt. Ob Haydn sie selbst als Militär-Symphonie bezeichnet hat oder nicht, wissen wir nicht, da das Autograph des ersten Satzes mit dem Titelblatt verschollen ist. Der Titel tritt jedoch in den Programmankündigungen auf, und so ist es wahrscheinlich, dass es mit Haydns Zustimmung geschah.
Dietmar Holland

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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