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Die Jahreszeiten

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t1 Konzertführer
Joseph Haydn
Die Jahreszeiten

Das Oratorium Die Jahreszeiten, 1799 bis 1801 komponiert und 1801 in Wien uraufgeführt, führt in 44 Nummern Die Schöpfung fort und zeigt an Hand des uralten Motivs vom Jahreslauf den ländlichen Menschen in seinen Tätigkeiten. Den Text schrieb wiederum der Diplomat, Bibliothekar und Amateurkomponist Gottfried van Swieten, wobei er eine lehrhafte Dichtung des Engländers James Thomson (Seasons, 1726) benutzte und bald idealistische, bald genrehaft-realistische Akzente gab. Die erzählenden Personen – der Pächter Simon (Bass), dessen Tochter Hanne (Sopran) und der junge Bauer Lukas (Tenor) – streifen das Singspiel durch ihre Typisierung, ihren Biedersinn und ihre beherzte Tatkraft. Sosehr sich der auf dem Dorf aufgewachsene Haydn kompetent wusste für die Schilderung der Natur und des Bauernlebens im Laufe der Jahreszeiten, so sehr litt er unter der Arbeit an dem ausgedehnten Oratorium, zumal ihm der Textautor rechthaberisch dreinredete. Die auch in den gelehrt-kontrapunktischen Passagen frische Musik lässt die Mühsal kaum erkennen. Die realistischen Naturschilderungen, die Darstellung des ‚einfachen Lebens‘ und der Singspielton mancher Arien und Cavatinen haben die Jahreszeiten für die anhebende Romantik zu einem Schlüsselstück der Bewältigung von Naturstimmungen gemacht.

1. Frühling. Die Orchestereinleitung in g-moll „stellt den Übergang vom Winter zum Frühling dar“ und zielt auf den anmutigen Chor ‚Komm', holder Lenz‘ (G-dur, 6/8) Im Allegretto (C-dur, 2/4) eilt der Bauer auf das Feld; das Thema der Bass-Arie übernahm Haydn aus dem Variationensatz seiner Symphonie mit dem Paukenschlag Nr. 94. Ensembles und Chöre preisen die erwachte Natur und die kräftig idealisierte Tätigkeit der Landleute.
2. Sommer. Den Übergang von der Morgendämmerung zur Helligkeit malt Haydn anders als in der Schöpfung: Eine trübe Sonne geht über einem schwülen Tag auf und gewinnt allmählich D-dur-Glanz. Alles ist im Grunde Vorbereitung auf den im bedrohlichen c-moll losbrechenden Gewitter-Chor. Der Sturm ebbt ab. Am Ende läutet friedlich die Abendglocke.
3. Herbst. Jagd und Weinlese bestimmen das Bild, ganz im herkömmlichen Sinne. Die G-dur-Einleitung spiegelt „des Landmanns freudiges Gefühl über die reiche Ernte“. Gewichtiger als der ausgiebige Preis des Fleißes sind die mit orchestralem Naturalismus gezeichneten Jagdszenen (Nr. 27 und 28) und der furios auftrumpfende Chor der sich betrinkenden und tanzenden Weinbauern.
4. Winter. „Die Einleitung schildert die dicken Nebel, womit der Winter anfängt.“ Das c-moll-Adagio malt die ersterbende Natur. Die restlichen Bilder sind, was naheliegt, lnterieurszenen, zumal das Spinnerlied mit Chor (d-moll, 6/8), der Anstoß für ähnliche Darstellungen bis hin zum zweiten Akt des Fliegenden Holländer. Die Bass-Arie Nr. 38 zieht Parallelen zwischen dem „bleichen Winter“ und dem Altern der Menschen; sie spiegelt vernehmlich den Gemütszustand des greisen Haydn. Ein Terzett mit Doppelchor mündet in helles C-dur und in die Bitte um „Stärk' und Mut“. Die fugierten Passagen geben, ähnlich wie vergleichbare Abschnitte der Schöpfung, Haydns unterschwellige Beziehung zu Händel zu erkennen.

Insgesamt sind Die Jahreszeiten mit ihren tonmalerisch vom Orchester begleiteten Rezitativen, ihren Singspieltönen und freundlichen Realismen eine Fortsetzung des Schöpfungs-Oratoriums ins Genrehafte, ja Frühromantische: Stilleben und Bauernszenen nach dem Monumentalwerk von der Entstehung der Welt und des Lebens.
Karl Schumann

 

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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