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Ouvertüren und Variationen

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t1 Konzertführer
Johannes Brahms
Ouvertüren und Variationen

Neben den Symphonien existieren in Brahms‘ Oeuvre zwei in ihrer Charakteristik gegensätzliche Ouvertüren, die beide im Jahre 1880, also zwischen der zweiten und dritten Symphonie, geschrieben wurden und – gewichtiger in der kompositorischen Substanz – die Haydn-Variationen op. 56a aus dem Jahre 1873, die nicht zuletzt als Vorstufe für das erste symphonische Werk konzipiert waren.

Das Thema der Haydn-Variationen ist einem Divertimento des Wiener Klassikers entnommen, das dort mit Chorale St. Antoni überschrieben ist. Brahms dürfte besonders die Unregelmäßigkeit der Taktanordnung interessiert haben. Das Thema ist aus zwei fünftaktigen Halbsätzen an Stelle der gewöhnlichen Viertaktigkeit zusammengesetzt, was ihm eine prägnante Struktur verleiht; die denn auch das gesamte Variationenwerk hindurch, in den dem Thema folgenden acht Variationen und im abschließenden Finale, musikalisch wirksam bleibt.

Dass Brahms die Variationsform als Vorstufe zur geplanten Symphonie verwendete, lag nahe, spielt doch das Variationsprinzip in allen seinen größeren Kompositionen eine wesentliche Rolle, ja galt für Brahms als Inbegriff des Komponierens schlechthin. So sind die Haydn-Variationen auch nicht nur ein loser Zyklus verschiedener Charakterstücke, Brahms begreift vielmehr die einzelnen Variationsabschnitte als (gegensätzliche oder eine Weiterentwicklung darstellende) Glieder eines Satzes, der insgesamt als große Steigerung angelegt ist; bewirkt wird diese durch die sich zunehmend verdichtende Motivik und das vom Andante des Themas bis zum schattenhaften Presto der achten Variation anwachsende Tempo. Die Lösung stellt das Finale (wieder Andante) dar, das als Passacaglia gleichsam eine Variationsform innerhalb der Variationenreihe darstellt. Ein fünftaktiges Thema, gebildet aus Bass- wie Melodieteilen des Chorale St. Antoni, bildet das Gerüst und bringt die Haydnsche Melodie zu grandioser Entfaltung, deren Vielschichtigkeit in den verschiedenen Charakteren der Variationenfolge zum Ausdruck kam – ein zentrales Anliegen Brahmsschen Komponierens schlechthin. Schon die Uraufführung in Wien 1873 sicherte dem Werk großen Erfolg. Die beiden Ouvertüren sind eher als Gelegenheitswerke zu betrachten. Die Akademische Festouvertüre op. 80 entstand im Zusammenhang mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Brahms durch die Universität Breslau im Jahre 1879. Brahms verarbeitete Studentenlieder (etwa Ich hab‘ mich ergeben und Gaudeamus igitur) zu einem kontrapunktisch aufbereiteten Potpourri. Auch hier ist das Variationsprinzip allenthalben spürbar, freilich eher als demonstrativ versierter Umgang mit einem allseits vertrauten Material.

Die Tragische Ouvertüre in d-moll op. 81 entstand in unmittelbarem Zusammenhang mit der Akademischen Festouvertüre. Brahms folgte damit seinem inneren Drang, deren heiterem Charakter ein ernstes Pendant gegenüberzusetzen. Der herbe Ton der Tragischen Ouvertüre weist voraus auf das Brahmssche Spätwerk – etwa auf die vierte Symphonie. Das Werk ist als Sonatensatz angelegt. Brahms äußerte, dass er mit der Ouvertüre „kein bestimmtes Trauerspiel als Sujet im Sinne“ gehabt habe. Dargestellt ist also eine abstrakt tragische Vorgabe zu einem Schauspiel, die Charakterisierung des Tragischen auf musikalische Weise. Am bestechendsten gelang dies in der kühnen, zwischen Moll und Dur changierenden Erfindung des Hauptthemas. Die Uraufführung unter Hans Richter im Dezember 1880 fand nur geringe Resonanz.
Reinhard Schulz

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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