Cookies und soziale Netzwerke erleichtern die Bereitstellung dieser Webseite. Mit der Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit dem Einsatz dieser Technologien einverstanden.
Weitere Informationen

Spanische nationale Schule

Zurück
t1 Konzertführer
Joaquín Rodrigo
Spanische nationale Schule

Juan Crisóstomo de Arriaga (1806 – 1826)
Felipe Pedrell (1841 – 1922)
Isaac Albéniz (1860 – 1909)
Enrique Granados (1867 – 1916)
Joaquín Turina (1882 – 1949)
Joaquín Rodrigo (geb. 1902 – 1999)

Die Herausbildung einer spanischen nationalen Tonkunst im 19. Jahrhundert erfolgte relativ spät. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Musikleben des Landes – nach einer langen Blütezeit – ganz von der italienischen Oper beherrscht, was auch die Bildung eines eigenwüchsigen Instrumentalstils verhinderte. Die in den 1820er Jahren auf den genial begabten Juan Crisóstomo de Arriaga (1806 – 1826) gegründeten Hoffnungen zerschlugen sich durch dessen frühen Tod. Die Gründung des Konservatoriums in Madrid im Jahre 1830 erfolgte auf Initiative der Bourbonen-Königin Maria Cristina, welche die italienische Orientierung noch stärkte. Auf den reichen Schatz spanischer Volksmusik machten zuerst ausländische Komponisten wie Liszt und Glinka mit Verarbeitung von originalen Themen aufmerksam.

In Felipe Pedrell (1841 – 1922) erwuchs dem Land schließlich jene pädagogische und wissenschaftliche Kapazität, die Grundlagen für eine neuere nationale Tonkunst Spaniens schaffen konnte: Er begann mit systematischer Sammlung und Bearbeitung von Volksmelodien und edierte die Werke der klassischen Vokalpolyphonie seines Landes. Drei führende Komponisten der folgenden Generation waren seine Schüler: Die Katalanen Isaac Albéniz und Enrique Granados sowie der Andalusier Manuel de Falla. Geboten sie alle über beachtliche pianistische Virtuosität, so präsentiert sich ihr Schaffen bezüglich Breite, Ausrichtung und Qualität durchaus unterschiedlich.

Isaac Albéniz (1860 – 1909) begann als pianistisches Wunderkind, holte sich bei Liszt in Weimar den letzten Schliff. Seine Instrumentalkompositionen sind fast ausnahmslos für Klavier bestimmt. Schuf er mit diesen Werken den spanischen Nationalstil, der nicht nur auf das Musikleben des Landes selbst, sondern auch auf Debussy und Ravel wirkte, so zeigt sich das als Opus 78 gedruckte frühe Klavierkonzert noch ganz frei von solchen Einflüssen, ebenso das Oratorium El Cristo. Von den gelegentlich zu hörenden Orchesterwerken ist lediglich Catalonia ein Original, die übrigen sind orchestrierte Fassungen von Klavierwerken, die erst nach Albéniz‘ Tod von anderen spanischen Komponisten hergestellt worden sind. Die Virtuosität dieser Musik ist ohne Zweifel an Liszt orientiert und dem pianistischen Salonstil verwandt, doch ist das eigentlich Neue an Albéniz‘ reifen Werken die genaue Kenntnis und der Folklore seiner Heimat und deren Verwendung.

Enrique Granados (1867 – 1916) bildet in der Entwicklung gleichsam den lyrischen Gegenpol zu dem temperamentvollen Albéniz, doch nicht allein dies: Mit seiner Erscheinung ist die Anwendung der neuen stilistischen Errungenschaften auf die Orchester- wie auch die Kammermusik verbunden. Die Tondichtung Divina commedia (nach Dante) und die symphonische Dichtung La nit del mort sind als erste symphonische Kompositionen der nationalen spanischen Schule anzusehen. Neben diesen hinterließ Granados Esenas poéticas, eine Serenata und drei Suiten für Orchester (S. arabe, S. gallega, S. Navidad); zu den konzertanten Gattungen steuerte er eine Suite Elisenda (nach einem Gedicht von Mestre) für Klavier und kleines Orchester bei. Stilistisch ist er der Spätromantik verhaftet, für seine Zeit eher retrospektiv als aktuell, dies jedoch auf höchstem Niveau; Rhythmik, Harmonik und Klangkolorit seiner Partituren zeigen die aus der Volksmusik stammenden nationalen Eigenarten, doch lässt sich Granados nirgends auf Nachahmungen ein. Bei aller noblen Zurückhaltung ist seine musikalische Sprache von höchster Originalität.

Erst Manuel de Falla (1876 – 1946) freilich sollte der neueren spanischen Musik zu Weltgeltung verhelfen. Andalusier wie de Falla war Joaquín Turina (1882 – 1949). Auch in seinem schöpferischen Weg spielte Paris eine zentrale Rolle, jedoch als Stätte seiner kompositorischen Meisterstudien, denen er an der Schola Cantorum bei Vincent D‘Indy oblag. Die symphonische Dichtung La procesión del Rocîo op. 9 bildete sein
‚Meisterstück‘. Ein Werk gleicher Gattung, Evangelio de Navidad op. 12 und die Danzas fantásticas op. 22, führen zu seinem bedeutendsten Orchesterwerk, der Sinfonia Sevillana op. 23; diese die Geburtsstadt Turinas verherrlichende Komposition ist nicht etwa illustrative Programmmusik im Sinne von Strauss oder Respighi, ihre formale Strenge und Ausgeglichenheit erinnert eher an die d-moll-Symphonie César Francks. Gleichwohl trifft sich das ganz verschiedene Naturell Turinas hier mit Albéniz und de Falla in dem Bestreben, nach Pedrells Forderung einen spanischen Nationalstil in der Musik zu schaffen, der aus volksmusikalischen Quellen schöpft, aber von universeller, übernationaler Prägung sei. Die choreographische Phantasie Ritmos op. 43 und die Rapsodia sinfónica für Klavier und Orchester op. 66 verbinden die Farbigkeit andalusischer Folklore mit formaler Disziplin symphonisch-konzertanten Gestaltens.

Der Name des 1902 in Valencia geborenen Joaquín Rodrigo schließlich ist untrennbar mit dem Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester verbunden; tatsächlich ist er der erste der neueren spanischen Komponisten, der sich in besonderem Maße der konzertanten Gattung gewidmet hat: Je ein Werk für Klavier (Concierto Heroico), Violine (Concierto de Estio), Violoncello (Concierto Galante) und Flöte (Concierto Pastoral) sowie zwei für Harfe (Concierto-Serenata und Sones en la Giralda) und fünf für Gitarren mit Orchester (außer Aranjuez die Konzerte Andaluz für vier Gitarren, Madrigal für zwei Gitarren sowie Para una fiesta und die Fantasia para un gentilhombre für eine Gitarre). Eine Meisterausbildung bei Paul Dukas und die Freundschaft und Mentorschaft de Fallas ließen Rodrigo zu einem Stil finden, dessen Kennzeichen formale Könnerschaft, transparente Instrumentation, melodische Geschmeidigkeit und pikante Harmonik sind.
Hartmut Becker

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
300+ ausgewählte Videos
Konzertführer
5 Geschichten pro Monat
Keine Werbung
CD-Empfehlungen
Exklusives Premium Video gratis
300+ ausgewählte Videos
5 Geschichten pro Monat
CD-Empfehlungen
300+ ausgewählte Videos
Konzertführer
5 Geschichten pro Monat
Keine Werbung
CD-Empfehlungen