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The Flood (Die Sintflut)

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t1 Konzertführer
Igor Strawinsky
The Flood (Die Sintflut)

In der biblischen Sintflut sah Strawinsky das Sinnbild der Katastrophe, weniger das des Dramas einer vorgeschichtlichen Menschheit. Er nannte sein Werk darum auch nicht „Noah“, da Noah lediglich eine historische Figur darstelle. „Sogar als ‚ewiger Mann‘, als zweiter Adam, als das – für Augustinianer – alttestamentarische Vor-Bild eines Christen hat er weniger zu bedeuten als die Ewige Katastrophe. Die Sintflut, das ist auch ‚Die Bombe‘.“ Strawinskys Biblische Allegorie für Tenor solo (LuziferISatan), zwei Bässe soli (die Stimme des nicht darstellbaren Gottes ist auf zwei Sänger verteilt), Chor und Orchester entstand 1961 und Anfang 1962. Die Textauswahl nach der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und nach Zwischenstücken mittelenglischer Mysterienspiele der York- und Chester-Zyklen des 15. Jahrhunderts besorgte Robert Craft. Das Werk ist eine Mischung aus Genesis, englischem Miracle Play und Kirchenliturgie, spielt in zwei Sphären: der weltlichen (mit Sprechern, Ausrufer, Noah und seiner Familie) und der himmlischen (mit Gott und Satan bzw. Luzifer).

Das Publikum gewahrt in dieser ca. vierundzwanzig Minuten langen Fernsehoper zunächst lediglich Tänzer, die als Schiffsbauer unsichtbare Balken und Bretter tragen und Nägel hämmern. Strawinsky vor der Erstsendung am 14. Juni 1962: „Ich habe bereits einige Tanzbewegungen visualisiert – imaginäre Seile über die Schultern ziehende Männer, bückende, ziehende, schleppende Frauen –, und ich denke, dass die Tänzer während der musikalischen Pausen im Rhythmus der Musik fortfahren sollten. Die Flut selbst darf nicht fortissimo, sondern muss altissimo sein, randvoll und hoch, gedrosselt, erstickend, aber nicht laut.“ (Ausgelöst hatte diese Vision Strawinskys Erlebnis einer Hochwasserkatastrophe in Venedig am 15. Oktober 1960.)

Ein außergewöhnlicher technischer Aspekt des Werkes betrifft den als Sinnbild des organisierten Chaos vielzitierten Zwölftonakkord der instrumentalen Einleitung mit seinen sforzato vorgetragenen Quintpaaren (einer Art musikalische Jakobsleiter); die vorwiegend einstimmig geführten Chorabschnitte und darin die wiederholten Wechselnotenbildungen („weniger gregorianisch als igorianisch“, wie Strawinsky bemerkte); die fugierte Zwölftonreihen-Umkehrung als Vertreibung aus dem Paradies; der Befehl zum Bau der Arche als ein vorwärts treibendes perkussives Ostinato; die Sintflut als steigend-fallendes Zwölftonreihen-Palindrom mit dem „Strangulationsakkord“ Dis-D-C-Fis-F-H-E ; das abschließende Regenbogen-Friedensbündnis als ansteigende Zwölftöneskala für den Heilsanstieg des Neuen Bundes.
Strawinsky: „Die Musik imitiert weder Wellen noch Wind, sondern die Zeit. Die Unterbrechungen in der Violine/Flöte-Linie besagen: ‚Nein, es ist noch nicht vorüber.‘ Wie die Haut der Sonne aus Feuer besteht, so stellen Violine und Flöte hier die Haut dar, die über den Körper des Klangs gezogen ist. Dieses La Mer besitzt kein de l'aube à midi, sondern nur eine Zeit-Erfahrung von etwas, das schrecklich ist und anhält. [...] Während etwa die Musik zu Pétrouschka Wirklichkeitsnähe schaffen will, ist die Musik zur Sintflut ganz und gar gleichnishaft.“
Manfred Karallus

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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