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Requiem Canticles

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t1 Konzertführer
Igor Strawinsky
Requiem Canticles

Strawinsky: „Das schwierigste geistige Problem für einen Fünfundachtzigjährigen ist, obwohl intelligente Menschen schon mit 25 darunter leiden, die Erkenntnis, dass man machtlos sein könnte, die Qualität seiner Arbeit zu verändern. Die Quantität kann man steigern, sogar mit 85, aber kann man das Ganze verändern? Jedenfalls bin ich sicher, dass meine Variations für Orchester und meine Requiem Canticles das Bild meiner ganzen Arbeit verändert haben, und ich begehre jetzt die Kraft, jenes veränderte Bild nur noch einmal zu verändern.“
Sein letztes Hauptwerk komponierte Strawinsky 1965 und 1966 auf Fragmente der römisch-katholischen Requiemsliturgie. Wie in allen seinen Spätwerken fasste er sich auch hier kurz: von den neun Sätzen der Requiem Canticles sprach Strawinsky als von seinem „Taschen-Requiem“. Der Text besteht im Wesentlichen aus abgerissenen Sätzen aus der Totenmesse, die auf sechs symmetrisch um ein lnterlude gruppierte Abschnitte verteilt und zwischen Prelude und Postlude eingebunden sind.

Neuartig an dem Werk ist die Verwendung von zwei Reihen bei gleichzeitiger Wahrung jener am Quintenzirkel orientierten Tonalität, die Strawinskys gesamtes Spätwerk bestimmt. Besondere Bedeutung fällt den instrumentalen Zwischenspielen zu. Das Prelude mit seinen scharfen, metrisch gegeneinander agierenden Vierer- und Fünfergruppen bestreiten die Streicher. Das vom Komponisten als „formales Lamento“ bezeichnete lnterlude zehrt von einem Tonvorrat, der einen Quintkörper von sechs Tönen (as, es, b, f, c, g) umfasst, wobei das Material der Flöten und Pauken die vier ‚oberen‘, das der Hörner die vier ‚unteren‘ Töne umfasst. Das Postludium besteht aus einer Folge von fünf isolierten Akkorden (Flöten, Klavier, Harfe) über der Bassnote F (Horn), die von dreiunddreißig in sich unterschiedlich geschlagenen Akkorden unterbrochen werden (Celesta, Glocken und – zum ersten Mal in Strawinskys Leben – ein Vibraphon). Ein einziger Akkord – der letzte – wird wiederholt. Als der Philosoph Theodor W. Adorno vom geschichtlichen Auftrag Strawinskys sprach und von dem, was nach seiner Sicht aus dessen Musik hätte werden können, fand er den Ausdruck „negative Ewigkeit“, Wenn es je eine Musik gäbe, die diesem Bild irgend nahekäme, so wäre es keine andere als diese.
Zum Gedenken an den im April 1968 ermordeten Dr. Martin Luther King wurden die Requiem Canticles am 2. Mai von George Balanchine in New York choreographiert. Strawinsky, der zu diesem Anlass ein neues Instrumentalvorspiel komponieren wollte, es aber nicht mehr konnte (Craft: „Er vermochte nur noch im Geist zu komponieren“), sandte eine Mitteilung aus Hollywood: „Ich fühle mich geehrt, dass meine Musik zum Gedenken an einen Mann Gottes gespielt wird, einen Mann der Armen, einen Mann des Friedens.“
Manfred Karallus

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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