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Harald Genzmer

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Harald Genzmer
Harald Genzmer

geb. Bremen, 9. Februar 1909 – gest. München, 16. Dezember 2007

Für keinen Komponisten in der Nachfolge Paul Hindemiths gilt die Regel treffender, dass Musik nicht dazu da sei, „gedacht“, sondern „gemacht“ zu werden. Der Grund dieses künstlerischen Credos liegt in Genzmers Herkommen aus der unmittelbaren musikalischen Praxis. 1909 in Bremen geboren, war Genzmer 1928 bis 1934 Kompositionsschüler Hindemiths, daneben in Berlin Klavierschüler Rudolf Schmidts. Bei Alfred Richter lernte er das Klarinettenspiel, bei Curt Sachs und Georg Schünemann, die zur Musiziergemeinschaft Hindemiths auf alten Instrumenten gehörten, hörte er Musikwissenschaft. Mit dem Theater kam Genzmer als Korrepetitor in Breslau (1934 bis 1937) in Berührung, anschließend wandte er sich an der Volksmusikschule Berlin-Neukölln der musikalischen Volksbildung zu. Nach dem Krieg erhielt Genzmer an der Freiburger Musikhochschule eine Professur für Komposition, 1957 wechselte er in gleicher Stellung an die Münchner Musikhochschule.

Genzmers Schaffen ist geprägt durch die Haltung des pragmatischen Musikers. Sein Werk umfasst alle Arten der Musik, Jugend- und Spielmusik, Kammer- und Klaviermusik, eine Messe, Kantaten, Chor- und Orgelmusik sowie eine Reihe von Instrumentalwerken und reinen symphonischen Werken.
Seine Werke abseits der Laienmusik verlangen oftmals eine meisterhafte instrumentale Virtuosität, die sich auf eine nicht minder virtuose Beherrschung der – etwa durch Hindemith gekennzeichneten – traditionellen kompositorischen Arbeit stützen kann. In der Tat ist Genzmers kompositorisches Schaffen seit den frühen Werken wie der Konzertsuite (1939) oder der Bremer Sinfonie (1942) erstaunlich unverändert geblieben, erstaunlich eigenständig und ‚quer‘ gegenüber den auf kompositorische Experimentalität zielenden Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Die kompositorische Essenz der Werke ist so immer zwischen den Polen diatonischer (auch pentatonischer) Gesanglichkeit und dem Einsatz behutsamer ‚moderner‘ Mittel angesiedelt (zwei Konzerte für Trautonium und Orchester, 1938 und 1952). Die Werke suchen den historischen Rückhalt in der Verwendung historischer Techniken, nicht im Sinn einer Stiladaption, sondern als Garanten musikalischen Zusammenhangs. Formale Ordnungsprinzipien, die auf historische Modelle zurückdeuten, ermöglichen in den Orchesterwerken eine problemlose Orientierung (häufig A-B-A’-Coda, wie in der Sinfonietta für Streichorchester von 1955).

Genzmers musikalischer Universalismus erstreckt sich auf alle Sparten der Orchestermusik. Im Konzert für Harfe und Orchester von 1965 eröffnet den gewichtigen Prolog eine in pathetischer Gestik ausholende Orchestereinleitung, die der fasslichen Klarheit der solistischen Harfe entgegenwirkt. Der Kontrast zwischen dem motorisch-melodischen Charakter des Orchesters und der figurierenden, virtuos auskräuselnden, meist unthematisch bleibenden Harfe bestimmt die schnellen Sätze des Konzerts. Im langsamen Satz übernimmt die Harfe die Themenexposition, wird jedoch in den Variationen von der zuweilen pathetischen Vehemenz des Orchesters alsbald in den Hintergrund gerückt (auch wenn dem Soloinstrument weiterhin thematische Aufgaben zukommen). Die Vielschichtigkeit der traditionellen Bezüge innerhalb der Werke wie auch die Vielschichtigkeit des Gesamtwerkes, der zahlreichen verwendeten Gattungen (auch außerhalb der ‚pädagogischen‘ Musik, der Musik für Laien), kennzeichnet die Musik Genzmers. Die Werke suchen bewusst den traditionellen Rückbezug, streckenweise ziemlich radikal, um als Musik des 20. Jahrhunderts, als die sie sich auch selbst verstanden wissen wollen, akzeptiert zu werden. Darin ist wohl auch die Tatsache begründet, dass Genzmer zu den meistaufgeführten zeitgenössischen Komponisten zählt. „Musik soll vital, kunstvoll und verständlich sein“, so Genzmer 1978. „Als praktikabel möge sie den Interpreten für sich gewinnen, als erfassbar sodann den Hörer.“ Diese kompositorische Haltung und ihr Erfolg fand ihr Pendant in zahlreichen Ehrungen und kulturpolitischen Engagements. Genzmer war 10 Jahre lang Direktor der Musikabteilung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Mitglied der Akademie der Schönen Künste in Berlin. 1991 erhielt er den Maximiliansorden, die höchste Auszeichnung, die der Freistaat Bayern Kulturschaffenden verleiht.
Lothar Mattner

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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