Ernst Křenek

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t1 Konzertführer
Ernst Krenek
Ernst Křenek

Wien, 23. August 1900 – Palm Springs, 22. Dezember 1991

Der am Beginn des Jahrhunderts geborene Ernst Křenek wurde einmal eine „One-man-history of 20th century music“ genannt. Tatsächlich gibt es keinen Komponisten, der so neugierig, ja flexibel wie Křenek auf die Stile und Strömungen, Sprachen und Techniken der Musik unseres Jahrhunderts reagiert hat, das heißt auch: der sich derart oft gewandelt, neu orientiert hat wie er. Expressionismus, Atonalität, Neue Sachlichkeit, Neoklassizismus, Dodekaphonie, Serialismus, Aleatorik, Elektronik – es gibt keine musikalische Richtung, der sich Ernst Křenek, das Chamäleon unter den Komponisten, nicht genähert, der er sich nicht anverwandelt hätte. Ebenso vielfältig sind Einflüsse der Vorbilder und Freunde, die ihn prägten: Franz Schrecker, der eigentliche Lehrer, und Arnold Schönberg, Ferruccio Busoni und Alban Berg, Paul Bekker und Hermann Scherchen. Ein ‚Grenzgänger‘, ein passionierter Reisender, Musiker, Schriftsteller und Feuilletonist, Theatermann, schließlich, seit 1938, Emigrant (später Staatsbürger der USA) – unter den Komponisten unseres Jahrhunderts ist er die Entdeckernatur, der Wanderer zwischen allen Welten. Ernst Křenek hat seit Beginn der achtziger Jahre auch in Europa, in der Nähe von Wien, wieder einen Wohnsitz (neben Palm Springs in Kalifornien), er ist gewissermaßen zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt.

Das kompositorische Oeuvre Křeneks enthält praktisch alle Gattungen und ist, sehr umfangreich, im heutigen Musikleben nicht zuletzt auch wegen der aufführungs- und spieltechnischen Schwierigkeiten nicht annähernd seiner Bedeutung gemäß repräsentiert, auch die Schallplatte hat sich bis heute mit Křenek-Veröffentlichungen sehr zurückgehalten, kaum eines seiner Werke gehört zum Repertoire der Interpreten. Dabei enthält der Werkkatalog etwa 240 Titel, die in mehr als sechs Jahrzehnten entstanden. Neben dem mehr als ein Dutzend Musiktheaterarbeiten – am bekanntesten sind Jonny spielt auf (1926) und Karl V. (1930 bis 1933) – ist vor allen Dingen die symphonische und konzertante Musik in Křeneks Werkverzeichnis reichhaltig; sodann die Kammermusik mit und ohne Singstimme. Und im Klangbereich der geradezu verwirrend verschiedenartigen Kammerbesetzungen gehört Ernst Křenek zu den experimentell kühnsten Komponisten. Neben fünf großen Symphonien stehen vier Klavierkonzerte, zwei Violinkonzerte, zwei Cellokonzerte sowie instrumentale Solokonzerte für Orgel, Harfe und einige Doppelkonzerte. Sie stammen aus verschiedenen Schaffenszeiten Křeneks und sind darum teilweise sehr unterschiedlichen musikalischen Sprachen und Stilen verhaftet.

Am berühmtesten ist die zweite Symphonie op. 12 von 1922/23, der Zeit der vehement ausprobierten Atonalität. Das Werk dauert knapp eine Stunde und ist Křeneks umfassendste Orchesterpartitur überhaupt. Unverkennbar ist der Einfluss des späten Mahler, vorsichtig kündigen sich ‚neo-sachliche‘ Züge an, das dreisätzige Werk (Andante sostenuto/ Allegro agitato; Allegro deciso, ma non troppo; Adagio) mündet in einen großzügig entwickelten langsamen Satz. Zwischen den atonalen Eruptionen gibt es immer wieder pathetische Tonalitätsphasen, „Traumbilder einer verlorenen Welt“, wie Křenek in einem Kommentar 1980 über das Stück schrieb. Die leichtere dritte Symphonie stammt aus derselben Zeit, während die vierte und die fünfte in den Jahren 1947 bis 1949 geschrieben wurden, übrigens für Dimitri Mitropoulos und das Minneapolis Symphony Orchestra. Křenek hatte sich bereits in diesen Werken von der zwölftönigen Schreibweise gelöst, die er noch einmal strikt in der Symphonischen Elegie für Streichorchester op.105 (1946) angewendet hatte. Das Werk entstand unter dem unmittelbaren Eindruck des Todes von Anton Webern und ist eine Trauermusik in ausgemessener Konstruktivität.

In den fünfziger und sechziger Jahren schrieb Ernst Křenek einige Orchesterpartituren von hohem Formwillen wie sensitivem Klangreiz, wobei nunmehr literarische oder formale Anspielungen zum Werktitel führen: Fünffache Verschränkung (1969/70), Statisch und Ekstatisch (1972), Von vorn herein (1974), Auf- und Ablehnung (1974), Im Tal der Zeit (1979). Und ein dramatisch gerafftes Monodram, The Dissembler (Der Versteller) für Bariton und Kammerorchester (1978), scheint direkt auf die wandlungsfähigen Sprachgewohnheiten Křeneks bezogen zu sein. Biographische Zusammenhänge verarbeiten auch die zwölf Sätze für Kammerorchester Lebensbogen (1981). In all diesen Werken geht es um Sprachähnlichkeit, um Probleme der kompositorischen Freiheit, um das Bewusstsein einer Grenze (des eigenen Lebens, des gesellschaftlichen und künstlerischen Fortschritts). Die Zeit wird über Ernst Křeneks Musik urteilen, die Musik eines bei aller Flexibilität ‚sperrigen‘ Komponisten. Seine Musik kennt, so die Křenek-Spezialistin Claudia Maurer-Zenck, „die Sehnsucht und das Unvermögen des heutigen Menschen: die Sehnsucht, als Individuum noch wirken zu können; das Unvermögen, neue Mythen zu bilden; die Furcht, sprachlos im drohenden Chaos unterzugehen; die Zweifel an der Berechtigung von Sprache... angesichts des vielen, was sprachloses Entsetzen erregt“.

Wolfgang Schreiber

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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