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Der wunderbare Mandarin, Pantomime in einem Akt, op. 19

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t1 Konzertführer
Béla Bartók
Der wunderbare Mandarin, Pantomime in einem Akt, op. 19

Mit seinem dritten Bühnenwerk verlässt Bartók die Welt des Symbolismus seiner einzigen Oper Herzog Blaubarts Burg und des Märchens in dem ersten Ballett Der holzgeschnitzte Prinz und wendet sich der unverhüllten Realität zu, konkret: der verhassten Großstadtwelt mit ihren Gemeinheiten und Geräuschpegeln, so wie sie im 20. Jahrhundert beschaffen ist. Erste Skizzen zu der Pantomime Der wunderbare Mandarin datieren vom August 1917, eine erste Fassung ist im Mai 1919 fertiggestellt, doch die Arbeit an der Instrumentation zieht sich noch jahrelang hin, ja sogar noch bis nach der heftig umstrittenen Kölner Uraufführung am 27. November 1926, deren Misserfolg dem ‚unmoralischen‘ Sujet angelastet wurde. Der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer (!) ließ das Stück unverzüglich vom Spielplan absetzen; was der Bürger selbst praktiziert, darf ihm auf der Bühne nicht als Spiegel vorgehalten werden, so lautet das ungeschriebene Gesetz der bürgerlichen Doppelmoral. Bartók ließ, um wenigstens die Musik für den Konzertsaal zu retten, ein Jahr später eine Suite drucken, die im Wesentlichen das originale Material enthält. Lediglich der Schluss der Pantomime fehlt.

Der Stoff der Pantomime stammt von Menyhert Lengyel, einem ungarischen Bühnenautor (geb. 1880), fast gleichaltrig mit Bartók und ebenso kompromisslos. Die Handlung hat den Vorzug der dramatischen ‚Steigerung‘ und steht damit in krassem Gegensatz zu Bartóks anderen beiden Bühnenwerken. Aber nicht nur das: Bartók fühlte sich von dem Sujet angeregt, seine härteste, brutalste und kompromissloseste Partitur zu schreiben, und schätzte, gerade wegen mangelnder Aufführungen auf der Bühne, diese Musik ganz außerordentlich. Wenn man bedenkt, dass sie noch vor den zwanziger Jahren, dem Jahrzehnt der größten künstlerischen Experimente und Widersprüche, geschrieben wurde, dann erst lässt sich überhaupt ermessen, welch avantgardistische Position Bartók einzunehmen wusste. In einem Interview für die ungarische Theaterzeitung ‚Szinhazi Elet‘ (Theaterleben) fasste er die Handlung der Pantomime in die folgenden, unmissverständlichen Worte: „In ihrem Unterschlupf“ – es handelt sich um ein heruntergekommenes Vorstadtzimmer – „zwingen drei Apachen“ – gemeint sind Strolche – „ein schönes junges Mädchen, Männer zu sich auf die Stube zu locken, die dann die drei vereint ausrauben. Der erste ist ein armer Bursche“ – im Libretto ist von einem ‚schäbigen Kavalier‘ die Rede –, „der zweite auch nicht viel besser“ – es ist ein ‚schüchterner Jüngling‘ – „jedoch der dritte, ein reicher Chinese, verspricht einen guten Fang. Das Mädchen tanzt für den Mandarin und erweckt seine heftige Begierde. Er ist in Liebe entbrannt, dem Mädchen graut es jedoch vor ihm. Die Apachen überfallen den Chinesen, rauben ihn aus, ersticken ihn in den Kissen, durchstechen ihn mit dem Degen, können aber mit ihm nicht fertig werden: er wendet die sehnsuchtsvoll verliebten Augen nicht von dem Mädchen. Endlich folgt das Mädchen seinen weiblichen Instinkten, ist ihm zu Willen, und der Mandarin sinkt leblos zu Boden.“

Handelt es sich gar um eine moderne Variante des Wagner‘schen ‚Liebestodes‘? Was bei Wagner höchste Erfüllung bedeutet, ist hier jedoch zur bluttriefenden Farce herabgesunken, und die führt nicht zum tieferen Verständnis der Handlung. Bartók hat das Libretto Lengyels allerdings auch energisch uminterpretiert, indem er die exotische (= fremdartig abweisende) Gestalt des Mandarins als Verbergung des neuen Menschen mit echter Humanität in einem verzerrten Äußeren auffasste. Die von Lengyel geübte scharfe, ätzend-satirische Kritik an der modernen Gesellschaft – die ‚Tätigkeiten‘ der drei Strolche stehen paradigmatisch dafür ein – verfolgt Bartók bis auf den Grund, denn er deckt die hinter der Großstadtfassade lauernde Unmenschlichkeit auf. Das Mädchen wählt schließlich aus zwischen der Unmoral und der noch nicht lebensfähigen Moralität des von Bartók zeitlebens herbeigesehnten „natürlichen Menschen“. Es ist auch die am meisten ausdifferenzierte Gestalt der Handlung; in ihr verdichtet sich Bartóks ganze Hoffnung. So erhält die brutale Pantomimenhandlung Tiefenschärfe, verliert den vordergründigen Schauereffekt, auf den Lengyel offensichtlich nicht verzichten mochte. Das war im Sujet der Preis für die naturalistische Genauigkeit.
Die nervöse Monotonie der Großstadtwelt ist suggestiv eingefangen in dem Ostinatogewebe des Anfangs, einer in unerbittlicher Härte sich Klang verschaffenden Welt des Lärms und der Entfremdung. Den physischen Schmerz der Dissonanzen kostet Bartók in der gesamten Partitur bis aufs äußerste aus und geht damit an die Grenze des überhaupt noch Auffassbaren. Die Ästhetik des ‚Schönen‘ hat nun endgültig abgedankt, und diente sie nicht doch nur der „dekorativen Rechtfertigung des Weltlaufs“ (Th. W. Adorno)? Die unbarmherzige Welt der modernen Großstadt – die der Ort ist, an dem die Tendenzen von Gewalt, Entfremdung und falschen Gefühlen geballt zusammentreffen – verlangt von der Musik, dass sie endlich ihre Unschuld abstreift und Stellung nimmt zum Schrecken der Realität des 20. Jahrhunderts. Bartók geriert sich keineswegs als zynischer Beobachter des Weltlaufs, sondern lässt seine eigenen Wunden musikalisch bluten.

Dennoch fasst er das Ganze in eine äußerst strenge, wie immer bei ihm symmetrische Form, mit den beiden Scherzo-Teilen im Zentrum, die sich auf den Mandarin und das Mädchen, also die beiden Hauptpersonen (die ‚Außenseiter‘), beziehen. Um sie herum gruppieren sich konzentrisch die jeweils dreifachen Episoden der Strolche, des Mädchens (das erzwungene Herauflocken der ‚Kunden‘) und der Morde an den ‚Freiern‘. Die Gesamtanlage, die innere Dramaturgie also, beschreitet den Weg vom Allegro-Getöse des Anfangs bis hin zum schmerzlichen Lento, dem Tod des Mandarins. Das tragische Ende ist aber eine Katharsis, die Erfüllung der alles überragenden Hetzjagd zwischen dem Mandarin und dem Mädchen, dem äußeren Höhepunkt der Musik.
Dietmar Holland

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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