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Zum unvollendeten Finale der neunten Symphonie

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t1 Konzertführer
Anton Bruckner
Zum unvollendeten Finale der neunten Symphonie

Bekanntlich hat Bruckner in seinen beiden letzten Lebensjahren unermüdlich am Finale der neunten Symphonie gearbeitet, konnte es aber nicht mehr vollenden. Die erhaltenen zahlreichen Skizzen und Partiturfragmente veröffentlichte Alfred Orel 1934 im Rahmen der ersten kritischen Gesamtausgabe. Sie erlauben immerhin einen, wenn auch recht unterschiedlichen, Einblick in die von Bruckner geplante Formanlage, jedoch nur bis zum Beginn der Coda, die selbst völlig fehlt. Da aber gerade die Coda in Bruckners Formentwicklungen, namentlich in einem Finale, ein besonderes Ereignis ist, wäre das Hinzukomponieren ein fragwürdiges Unterfangen. Mit dem Eintritt des Choral-Themas, umspielt von den Begleitfiguren aus dem Te deum, die seinerzeit als Notlösung den Abschluss des Finales mit diesem Chorwerk Bruckners suggerierten, bricht das Skizzenmaterial ab.

Dennoch sind inzwischen vier Komplettierungsversuche bekannt geworden, unter ihnen zwei frühere von Edward D. Neill (in Zusammenarbeit mit Giuseppe Gastaldi) und Ernst Märzendorfer, die jedoch alle nicht voll überzeugen. Die Aufführungsversion von Nicola Samale und Giuseppe Mazzuca, uraufgeführt 1986 in Berlin, bemüht sich zumindest um größtmögliche Authentizität des verwendeten Materials in der Coda, während die Fassung des Amerikaners William Carragan, erstellt in den Jahren 1979 bis 1983 und 1987 sogar auf Platte erschienen, mehr als dubios ist. Carragan gerät nämlich im Verlauf seiner Komplettierung immer mehr in Spekulationen, bis er schließlich in der gänzlich frei komponierten Coda nicht nur auf die Hauptthemen der früheren Sätze zurückgreift, was noch mit Bruckners ähnlichen Gepflogenheiten zu rechtfertigen wäre, sondern darüber hinaus noch einen Salto mortale in die Klangwelt von Richard Strauss veranstalten zu müssen glaubt, um dann sogar bei der Filmmusik Hollywoods zu landen. Das trägt nun nicht dazu bei, die Zweifel an der Vollendbarkeit des Unvollendeten auszuräumen.
Dietmar Holland

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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