Musikgeschichten: 18. Februar (1947)

Zwei ungleiche Opernzwillinge

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Jonas Zerweck
Jonas Zerweck
18.02.2022

Unsere Musikgeschichten erzählen gerne die Anekdoten von menschlichen Geburtstagen, von Komponisten und Musikern, aber auch von musikalischen Geburtstagen, die Uraufführungen von neuen Werken. In diesem Sinne gibt es selten die Möglichkeit, Geburtstage von gewissermaßen musikalischen Zwillingen zu feiern, doch diese Geschichte hier erzählt von einem solchen Anlass. Sie beginnt mit dem, sagen wir es mal ganz nüchtern: Erzeuger. Gian Carlo Menotti, 1911 in Italien geboren, studierte lange in Amerika, am Konservatorium in Philadelphia, blieb dann dort, lehrte und komponierte.

Menotti
Gian Carlo Menotti (Foto: gemeinfrei)

Als er mit der Komposition von The Medium begann, dem ersten Zwilling unserer Geschichte, war er bereits ein Komponist von nationalem Ruf: Die Met hatte eins seiner frühen Werke bereits gespielt, für die NBC hatte er eine Radiooper verfasst. The Medium, wie The Telephone am 18. Februar 1947 uraufgeführt, hatte im Gegensatz zu seinem Geschwisterchen eine Voraufführung an der Columbia University im Jahr zuvor erlebt. Nach dieser Vorstellung schlugen der Komponist und die beiden Produzenten dem Impresario Lincoln Kirstein, Kunst- und Kulturkenner der New Yorker Szene, sowie Mitbegründer des New Yorker Balletts, das Werk als Broadwayproduktion innerhalb der Opernsaison des Balletts vor. Der stimmte zu, stellte allerdings die Bedingung auf, dass dem Zweiakter The Medium ein weiteres Werk vorangestellt werden müsse. Nach nur wenigen Wochen war Menotti soweit, der Einakter The Telephone, or, L'amour à trois vollendet und ein zwanzigminütiger “curtain raiser” gefunden.

Obwohl es so schnell ging, Menotti wägte ab, was er seinem bereits bestehenden für ein neues Werk beigeben würde. Es wurde eine Komödie, leicht zugänglich und für kleine Besetzung. Zu den nur zwei Darstellern, die ein Paar darstellen, steht vor allem ein Telefon im Mittelpunkt, das Ben daran hindert, seine Lucy zu fragen, ob sie ihn heiraten möchte. Nicht wirklich tiefschürfend, aber im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit über Internet und Smartphones auch heute aktuell.

Das Ende der Oper und Bens Lösung für sein Problem: Er selber ruft jetzt an und stellt seiner Lucy endlich die entscheidende Frage.

Menotti legte auch deshalb The Telephone als Komödie an, weil The Medium im Gegensatz ein tragisches Drama erzählt: Madame Flora, ihre Tochter Monica und ihr Diener Toby (stumme Rolle) wohnen gemeinsam in New York und halten unter der Leitung der Madame Séancen ab, an denen sie das Erscheinen von Verstorbenen inszenieren und gut verdienen. Als Madame Flora bei einer dieser Sitzungen vermeintlich eine kalte Hand an ihrer Kehle spürt, schrickt sie auf und die Szene löst sich auf. Mehr und mehr bekommt sie ein schlechtes Gewissen, fängt an zu trinken und gibt schließlich sogar den Schwindel offen zu. Ihre Gäste glauben ihr jedoch nicht und zwischen Monica und Toby bahnt sich eine Liebesgeschichte an, die dramatisch endet, als Toby eines nachts ins Haus schleicht, um Monica zu sehen, wovon Madame Flora aufwacht und voller Angst und aus Versehen Toby durch einen Vorhang erschießt. Die Dame ist allerdings mittlerweile dermaßen neben der Spur, dass sie nicht mehr versteht, was wahr und was Einbildung ist.

Der Schluss von “The Medium”: Tragödie statt Komödie – Totschlag statt Antrag.

Wohl die Gegensätzlichkeit der beiden Werke hat ihnen einen ganz schönen Erfolg ermöglicht. An ihre gemeinsame Premiere im New Yorker Heckscher Theater, bei der The Telephone uraufgeführt und The Medium zumindest das erste Mal als professionelle Produktion gezeigt wurde, schlossen sich 211 Vorstellungen im Ethel Barrymore Theater auf dem Broadway an. Sie wurden zudem gemeinsam auf einem Album festgehalten und werden bis heute oft zusammen an einem Abend gebracht. Als Menotti The Medium allerdings 1952 verfilmte und dafür mit einem Sonderpreis bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet wurde, stand das lustigere, etwas jüngere Zwillingsgeschwisterchen nicht mit im Rampenlicht. ¶

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