Musikgeschichten: 28. Juli (1877)

Verliebt wie in eine Katze: Frau Tschaikowsky

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Jonas Zerweck
Jonas Zerweck
28.07.2019

Die Ehe war gerade einmal zehn Tage alt. Ein Zeitpunkt voller Glückseligkeit, Liebe und Glück für jedes Brautpaar – hoffentlich. Pjotr Tschaikowskys erste Ehetage aber quälten ihn so sehr, dass er einen ehrlichen Brief schreiben muss. Er schickt ihn am 28. Juli 1877 an seine langjährige Freundin Nadeschda von Meck:

»Und plötzlich wurde mir klar, dass ich in Wirklichkeit nicht einmal ein einfaches, freundliches Gefühl für meine Frau empfand, sondern dass ich sie im wahrsten Sinn des Wortes verabscheute.«

Tschaikowsky war homosexuell. Ihm muss im Vorhinein klar gewesen sein, dass die Ehe für ihn riskant war und leicht scheitern konnte – dass er aber schon nach zehn Tagen eine solche Abneigung empfinden würde, vermutlich nicht. Tschaikowskys Gründe für die Heirat können bis heute nicht ganz erklärt werden. Verschiedenes legt aber nahe, dass er den Hoffnungen seiner Familie gerecht werden und gleichzeitig von seiner Homosexualität ablenken wollte.

Dafür spricht sein trocken gefasster Entschluss zur Heirat – ohne eine Braut in Aussicht. Tschaikowsky sucht und findet schließlich Antonina Miljukowa. Besser sollte man sagen, sie findet ihn auf sehr, nunja, drastische Weise: Nach ersten Liebesbriefen, droht sie bald mit Selbstmord, würde Tschaikowsky sie nicht treffen wollen. Ist, was so beginnt, jemals gut gegangen?

Vorerst zahlt sich zumindest der sture Willen von Miljukowa aus: Die Heirat findet im Juli 1877 statt und Tschaikowsky kann dem Ganzen sogar etwas Positives abgewinnen. An seinen Bruder Anatol schreibt er kurz vor der Eheschließung:

 

»Meine Braut ist nicht mehr sehr jung, aber absolut vorurteilsfrei und hat vor allem einen großen Vorzug: Sie ist in mich verliebt wie in eine Katze!«

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Eine ziemlich kühle Abwägung, ob Frau Miljukowa geeignet ist. Doch er verheimlicht nichts, gesteht der Braut noch vor der Heirat, dass er sie nicht liebt und beichtet ihr alle schlechten Seiten seines Charakters. Sie will ihn dennoch heiraten und so vereinbaren sie eine Ehe in geschwisterlicher Verbundenheit. Ein Unglück.

Tchaikovsky with wife Antonina Miliukova
Ehepaar Tschaikowsky

Die Ehe bringt ihm zweierlei: Verzweiflung und Selbstmordgedanken. Dazu wird sich die Anekdote erzählt, Tschaikowsky sei einst bei Nacht in das kalte Wasser der Newa gesprungen, um sich eine Lungenentzündung einzufangen, die ihn dahinraffen sollte. Wenn wahr, ging der Plan nicht auf – ein einfacher Schnupfen soll es letztendlich geworden sein.

Anstelle der Flucht in den Tod wählte er eine nach St. Petersburg unter dem Vorwand, für drei Tage beruflich verreisen zu müssen. Nachdem er im Oktober des gleichen Jahres einen Nervenzusammenbruch erleidet, wird die Scheidung eingeleitet. Tschaikowskys Bruder Anatol und der berühmte Pianist Nikolai Rubinstein führen die Gespräche mit der Verlassenen. Die ist zum einen ganz gerührt, dass so ein Star sie besuchen kommt, zum anderen aber zerbricht sie – sieht sich als Opfer einer Verschwörung der Familie Tschaikowsky und wirft sich ein Versagen ihrer sexuellen Reize vor. Dass ihr Mann ganz grundsätzlich kein Interesse an Frauen besaß, hat sie wohl nie verstanden. Geschieden haben sich die Tschaikowskys dann nie, sich gesehen aber auch nicht mehr. ¶

 

Aus dem Ehejahr 1877: Die »Rokoko-Variationen«, Thema.

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