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Musikgeschichten: 22. Oktober 1822

Unvollendet vollendet? – Rätselraten um Schuberts Siebte Symphonie

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Jonas Zerweck
Jonas Zerweck
22.10.2019

Menschen lieben Rätsel. Die Neugierde wird geweckt, das Spekulieren und Überlegen regt die Fantasie an. Rätsel machen einfach Spaß. Schuberts Unvollendete gibt Rätsel auf – auch deswegen ist sie so beliebt beim Publikum. Aber nicht nur deswegen natürlich. Da sind die wunderschönen, auch sehr eingängigen Melodien. In manch einer Symphonie werden solche Melodien in der Durchführung dann zerhackt und verarbeitet. Hier aber nicht: Die Zuhörenden dürfen sich an den vielen Wiederholungen der Schönheiten laben. Gleich die ersten beiden der insgesamt drei Themen des ersten Satzes sind fantastische Ohrwürmer.

Außergewöhnlich für die damalige Zeit war der düstere Beginn mit den Bässen und dann der kreisenden Oboe über die verhuschten Violinen. Das zweite Thema, von den Violinen im Dreivierteltakt gesungen, ist dagegen ein feines “Wiener Lied”. Hier hört man unverkennbar den Liedkomponisten Franz Schubert.

Zentral beim Rätselraten zur Unvollendeten geht es um die Frage: Warum hat der liebe Franzl sein Werk mitten im dritten Satz abgebrochen? Am 22. Oktober 1822 hatte er mit der Komposition begonnen und schon bis zum 30. zwei Sätze fertig komponiert und orchestriert. Vom Dritten gibt es in dieser Form nur neun Takte, ein etwas längere Abschnitt danach existiert lediglich in Skizzen. Eine jahrzehntelang rätselnde Musikwissenschaft kommt natürlich zu allerhand Theorien. Auch wenn es für jede irgendein – oder mehrere – Argumente gibt, lässt sich keine als die richtige festmachen, so viel sei vorab gesagt.

Franz Schubert

Franz Schubert, 1825, drei Jahre nach der Komposition der “Unvollendeten”.

(Foto: Public Domain)

Plausibel etwa scheint, dass Schubert andere Arbeiten dazwischen gekommen sind – etwa ein Opernauftrag, aus dem dann nichts werden sollte, und die berühmte Wanderer-Fantasie. Neben dieser Unvollendeten existieren noch mehr Fragmente begonnener Symphonien.

Eine andere Theorie behauptet, Schubert hätte während dem dritten Satz aufgehört, weil er entdeckt hatte, dass in seinem bisherigen Werk Anklänge an Beethoven steckten. Das aber wollte er unbedingt verhindern. Seine ersten sechs Symphonien waren noch im Geiste Mozarts, Haydns oder Beethovens entstanden. Mit dieser siebten, so sein Anspruch an sich selbst, wollte er einen eigenen Weg finden. Es wurde sogar spekuliert, dass Schubert vielleicht sogar den dritten und vierten Satz vernichtet hatte, weil diese seinen Ansprüchen nicht genügte.

Manch anderer dachte auch an Zerstörung, aber durch den Musikvereins-Direktor Anselm Hüttenbrenner. Der hielt jahrzehntelang die Partitur der Unvollendeten in Privatbesitz unter Verschluss. Kam es einst zum Streit zwischen den Freunden Schubert und Hüttenbrenner, wobei zwei Sätze zerstört wurden? Oder ganz anders lag es am Lebenswandel Schuberts im Jahr 1822, unter anderem dadurch ausgelöst, dass die Syphilis bei ihm ausbrach?

Teltscher drei freunde

Hat ein Streit die Partitur teilweise vernichtet? In der Mitte Anselm Hüttenbrenner, rechts Franz Schubert, links ein dritter Freund, Johann Baptist Jenger.

(Foto: Public Domain)

Am versöhnlichsten klingen die Theorien, nach denen Schubert die Symphonie nach den zwei Sätzen für beendet ansah. Schließlich wollte er einen neuen, eigenen Weg gehen. Schon mit seiner Klangsprache gilt das Werk heute als ein Anfangswerk der musikalischen Epoche der Romantik. Hatte er ähnliches versucht mit der Form des „Fragments“? In der Literatur sollte dieser typisch romantische Aufbau die persönliche Abkehr von der perfekten klassischer Form zum Ausdruck bringen. Warum also nicht auch hier? Und à propos Literatur: Schubert hatte im gleichen Jahr einen schriftstellerischen Versuch mit einer zweiteiligen Novelle unternommen. Ist seine Unvollendete die musikalische Umsetzung dieses Werkes? Zumindest von Stimmung und Aufbau ähneln sie sich sehr. Ist die Unvollendete letztlich die Vollendete? ¶

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