Musikgeschichten: 19. Januar (1877)

Tschaikowsky verliebt sich – in einen Mann

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Malte Hemmerich
Malte Hemmerich
19.01.2018

Das Jahr hat nicht gut begonnen für den 37-jährigen Komponisten Peter Tschaikowsky. Trotz finanzieller Spenden einer anonymen Gönnerin, ist er immer wieder pleite. Seit einiger Zeit plagen ihn Depressionen. Nach einer kurz andauernden Verlobung in Jugendjahren ist der Komponist Alleinstehend, heimlich weiß er schon länger, dass er Männer attraktiv findet, doch in der damaligen Gesellschaft ist das ein Tabuthema.

Doch dann erfährt er unvermittelt Glücksgefühle, verliebt sich und beschließt seinem Bruder Modest zu schreiben. Er vertraut ihm.

»Ich bin so verliebt, wie ich es lange nicht war… ich kenne ihn schon seit sechs Jahren. Ich habe ihn immer gemocht und war einige Male dabei, mich zu verlieben. […] Jetzt habe ich den Sprung gemacht und mich unwiderruflich ergeben. Wenn ich stundenlang seine Hand halte und mich quäle, ihm nicht zu Füßen zu fallen […] ergreift mich die Leidenschaft mit übermächtiger Wucht, meine Stimme zittert wie die eines Jünglings und ich rede nur noch Unsinn.«

Tschaikowsky spricht hier von einem seiner ehemaligen Schüler am Konservatorium, dem 22-jährigen Geiger Iossif Kotek. Die heimliche Beziehung der beiden Musiker sollte gute fünf Jahre halten. Sogar ein kleines Werk widmete der Komponist seinem Geliebten.
Ein Scherzo für Klavier und Geige – das Paar könnte das Stück also sogar zusammen gespielt haben.

Seinem Partner gewidmet: Iossif Kotek.

Tschaikowskys „verderbliche Leidenschaft“ war sein ganzes Leben eine Belastung. Was aber nicht hieß, dass er diese nicht auslebte. 1889 ist er in Paris und schreibt wenig romantisch in sein Tagebuch:

»Ein Neger kam zu mir.«

Seine späte Phase ist geprägt von Liebesbriefwechseln mit seinem Neffen, ob Tschaikowsky aber tatsächlich ein sexuelles Verhältnis zu ihm hatte, bleibt umstritten. Wladimir L. Dawidow, im Alltag Bobik genannt, wurde vom Komponisten dann schließlich auch als Universalerbe eingesetzt, brachte sich nur wenige Jahre nach Tschaikowskys Tod selbst um.

Und schon vor Kotek, Tschaikowsky längster Beziehung, sind mindestens drei junge Männer bekannt, mit denen Peter eine Liebschaft, vielleicht aber auch nur platonische Freundschaft pflegte.

Tschaikowski Kotek
Fünf Jahre waren sie ein Paar: Iossif Kotek (links) und Peter Tschaikowsky. (Foto: Creative Commons)

Doch der Brief vom 19. Januar ist das erste schriftliche Zeugnis, in dem Tschaikowsky sich selbst die Liebe zu einem Mann eingesteht und sogar anderen Menschen mitteilt. Ein paar Monate später heiratet Tschaikowsky, um Gerüchten über seine Homosexualität etwas entgegenzusetzen. Mit seiner jungen Frau ist abgesprochen, die Ehe in „geschwisterlicher Verbundenheit“ zu führen. Nach drei Monaten ist der russische Komponist wieder Single. ¶

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