Musikgeschichten: 1. November (1893)

Tschaikowsky: Freitod wegen seiner Homosexualität?

Zurück
Malte Hemmerich
Malte Hemmerich
01.11.2018

Dass Peter Tschaikowsky ein schwermütiger Mensch war, ist allgemein bekannt. Seine vielen Lebenskrisen aufgrund von künstlerischer Ablehnung und geheimer Homosexualität  liegen aber im Jahr 1893 schon etwas weiter zurück. Der Russe ist zu dieser Zeit vielmehr der erfolgreichste Komponist Europas. Erst ein Jahr zuvor hatte er für sein drittes Ballett Der Nussknacker so zauberhafte Musik geschrieben und dem russischen Publikum erfolgreich ein neues Instrument vorgestellt: Die Celesta.

Der Tanz der Zuckerfee.

Doch in Tschaikowskys Innerem sieht es wohl zu der Zeit nicht so zuckersüß aus. Ein Jahr später in einem Wirtshaus in St. Petersburg: Die Cholera grassiert in Russland, Wasser zu trinken, ohne es abzukochen, ist lebensgefährlich. Aber Tschaikowsky tut genau das am 1. November 1893, berichtet sein Bruder Modest. Am nächsten Tag plagen Magenkrämpfe und Erbrechen den Komponisten, schon am 4. November versagen unter großen Qualen seine Nieren. Tschaikowsky fällt ins Koma und stirbt zwei Tage später.

Aber ist das die Wahrheit?

Tschaikowsky on his deathbed 1893 16 9

Tschaikowksy auf dem Totenbett.

(Foto: Public Domain)

Der Cholera-These widersprechen viele Forscher, nach dem Tod des Komponisten seien zu wenig Schutzmaßnahmen ergriffen worden, der Sarg sei offen gewesen, viele Freunde, selbst die Nicht-Alkoholisierten, hätten den Verstorbenen geküsst. Heute spricht tatsächlich viel dafür, dass sich Tschaikowsky mit Arsen vergiftet hat.

Doch egal wie, über den Grund des Selbstmords ist man sich heute nahezu sicher: Er war erzwungen. Eine Affäre mit einem fürstlichen Neffen soll dem Komponisten zum Verhängnis geworden sein. Am 31. Oktober trat, so schreibt es Edward Gardner in seiner Tschaikowsky-Biographie, ein Ehrengericht zusammen und verurteilte Tschaikowsky zum Freitod. Um den Skandal zu vermeiden, dass der berühmteste Komponist Russlands ein schwuler Mann war. Wieder andere Musikwissenschaftler berichten, Homosexualiät sei in den Kreisen, in denen der Künstler verkehrte, akzeptiert gewesen, und schreiben den Tod einer allgemeinen Erschöpfung zu.

»Man sagt, Tschaikowski war ein Homosexueller. Aber wir lieben ihn nicht deswegen.«

Wladimir Putin

Auch heute sind der Tod des Nationalkomponisten und die Gründe dafür ein heikles Thema in Tschaikowskys Heimatland. ¶

2.000+ ausgewählte Videos
Regelmäßige exklusive Live-Konzerte aus aller Welt
Täglich neue Musik-Geschichten
Konzertführer
CD-Empfehlungen
Keine Werbung