Musikgeschichten: 14. November (1939)

Synthesizer-Pionierin: Wendy Carlos wird geboren

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Bennet Seiger
Bennet Seiger
14.11.2019

Auf dem Cover des 1968 erschienenen – und bis heute bestverkauften – Klassik-Albums steht ein streng dreinblickendes Johann-Sebastian-Bach-Double mit einem Kopfhörer in der Hand – nicht etwa vor einem Cembalo oder einem Orgelmanual, sondern vor einem mit Kabeln gespickten Synthesizer. Das Album heißt Switched-On Bach und stammt von Wendy Carlos, einer Pionierin der elektronischen Musik, die damit über Nacht der elektronischen (Synthesizer-)Musik den Weg ebnete.

Wendy Carlos

Die Komponistin Wendy Carlos.

(Foto: Wendy Carlos)

Wendy Carlos wurde am 14. November 1939 in Pawtucket, Rhode Island geboren. Schon früh zeigten sich zwei elementare Leidenschaften: Computertechnik und Musik. Mit sechs Jahren begann sie Klavier zu spielen – und gewann später das Westinghouse Science-Fair scholarship für einen von ihr selbst gebauten Computer. Sie ist der Beweis dafür, dass die vermeintlich gegensätzlichen Welten der Naturwissenschaften und Musik sehr eng verbunden sein können: Sie studierte Musik und Physik an der Brown University und später Komposition am ersten Zentrum für elektronische Musik an der Columbia University. In den 1960ern entflammte die Leidenschaft für Synthesizer, die zu jener Zeit keinesfalls das waren, was man heute kennt: Eher waren sie immense Schränke mit vielen Kabeln, die an alte Filmszenen aus der Telefonvermittlung erinnern, angeschlossen an ein Manual.

Moog Synthesizer

Der erste Moog-Synthesizer in Carlos’ Studio.

(Foto: Wendy Carlos)

1964 traf sie auf Robert Moog, mit dem sie an der Entwicklung der ersten kommerziell erhältlichen Synthesizer arbeitete. Wendy kümmerte sich dabei besonders um die Art und Weise, wie die Klänge entstehen. So sagte sie über diese Zusammenarbeit:

»Es war einfach perfekt. Er war ein kreativer Ingenieur der Musik verstand, ich war eine Musikerin mit technischem Wissen. Es hat sich angefühlt, als ob sich zwei sich ergänzende Seelen treffen.«

In einem Interview der BBC von 1989 erklärt Carlos – begleitet von ihren etwas aufdringlichen Katzen – sehr anschaulich, welche Parameter dazu gehören, um aus einem elektronisch erzeugten, vollkommen bewegungslosen Ton die Illusion eines realen Instruments zu erschaffen.

Im Jahr 1972 unterzog sich Wendy Carlos, die ursprünglich Walter hieß, einer geschlechtsangleichenden Operation, was sie lange geheimhielt. 1979 führte der Playboy ein Interview mit der Komponistin – es war der Moment, in dem ihre Geschlechtsangleichung publik gemacht wurde.

Sie war nicht nur eine Koryphäe der elektronischen Musik geworden, sondern auch ein Symbol für viele transidente Menschen. Für Carlos selbst war diese Zeit sehr schwer, da diese Thematik bis dahin selten – und wenn nur mit Unverständnis und Unbehagen – öffentlich behandelt wurde. Somit war sie gezwungen, über intime Dinge öffentlich zu sprechen. Später lehnte sie jegliche Gespräche ab, die in diese Richtung gingen. Dass sie ihre Angleichung lange unter Verschluss gehalten hatte, lag auch daran, dass sie mit dem Soundtrack zu Kubricks Clockwork Orange gerade große Erfolge feierte. Es folgte 1980 Musik zu Kubricks Shining – ein visionärer Regisseur, dessen Filme bis heute Kultstatus haben, nicht zuletzt wegen der Musik, die die Atmosphäre maßgeblich mitbestimmt.

Das “Love Theme” aus Disneys “Tron” von 1982, auch hier komponierte Carlos die Musik.

In den letzten Jahren ist es still geworden um Wendy Carlos. 2009 hat sie zum letzten Mal ihre Homepage aktualisiert, Interviews lehnt sie ab. Auch ihre Musik ist rar geworden: Alben sind kaum zu kaufen, weder als physischer Datenträger – schon gar nicht über die einschlägigen Streaming-Dienste, denn die lehnt Carlos kategorisch ab. ¶

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