Musikgeschichten: 21. Oktober (1964)

She Could Have Sung All Night: “My Fair Lady” und die Geistersängerin

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Bennet Seiger
Bennet Seiger
21.10.2018

Professor Higgins, Phonetiker, ist sich sicher: Akzent, Betonung und Dialekt schreiben fest, welcher gesellschaftlichen Schicht man angehört. Daher geht er mit einem Freund eine fragwürdige Wette ein: Kann er aus der plumpen, ungebildeten und derben Blumenverkäuferin Eliza Doolittle eine Dame der gehobenen Gesellschaft machen? Das Projekt glückt nach einigen Rückschlägen, Eliza Doolittle wird beim großen Ball für eine Dame von Welt gehalten. Doch als sie erfährt, dass sie nur ein Versuchskaninchen war, läuft sie zurück in ihr altes Leben – in das sie nun auch nicht mehr passt. Higgins bekommt sie zurück; ob daraus mehr wurde, wissen wir nicht.

Audrey Hepburn Eliza Doolittle 16 9

Audrey Hepburn als Eliza Doolittle.

Am 21. Oktober 1964 kommt My Fair Lady in die Kinos, eine Filmadaption des gleichnamigen Bühnenmusicals mit der Musik von Frederick Loewe. Die Besetzung entpuppte sich als schwierig: Rex Harrison wurde für die Broadway-Inszenierung gefeiert, doch man wollte eigentlich Cary Grant. Der lehnte ab, also wurde aus Harrison auch der Film-Higgins. Bei Eliza blieb das Studio eisern: Sie entschieden sich gegen die damals noch unbekannte Julie Andrews und bekamen Audrey Hepburn vor die Linse. Soweit so gut. Doch dann begann Hepburn zu singen.

“I Could Have Danced All Night” aus der Filmversion von “My Fair Lady”. Hepburn singt nicht.

Was in Frühstück bei Tiffany noch nett war, zeigte sich für die anspruchsvolle Musik Loewes als unzureichend. Hepburn nahm zwar Gesangsunterricht und gab sich viel Mühe; sang den Soundtrack auch im Studio ein. Die Produzenten nutzten das Hepburn-Playback am Filmset, doch da war bereits klar: Das ging nicht. Nachdem alles abgeschlossen war, holte man Marni Nixon zum Nachsynchronisieren ins Tonstudio. Hepburn wusste davon nichts und war später tief deprimiert.

Das sogenannte “Dubbing” war Gang und Gäbe in Hollywood – wurde aber strikt geheim gehalten, denn über allem stand die Illusion. Die “Geistersänger” tauchten meistens nicht einmal im Abspann auf und wurden zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet. Marni Nixon, eigentlich Opernsängerin, war zu der Zeit in ihrem Metier bereits etabliert: Sie hatte 1953 Marilyn Monroe in Blondinen bevorzugt ihre Stimme geliehen, sang für Deborah Kerr gleich in zwei Filmen. Ihre Stimme hatte aber wohl in West Side Story ihren größten Auftritt: Sie sang für Natalie Wood als Maria, die darüber außer sich vor Wut war. Ab den frühen 50ern bis 1965 konnte man Nixon so in den größten Produktionen hören – ohne, dass das Publikum wirklich davon wusste.

Auch nicht Natalie Wood: “I feel pretty” aus “West Side Story”.

Nixon arbeitete später sogar mit Igor Strawinsky und Leonard Bernstein zusammen und sang bis zu ihrem Tod 2016 selbst auf den Bühnen am Broadway und in Opernproduktionen: Zu ihrem Repertoire gehörten Konstanze, Susanna, Zerbinetta oder Violetta. Ihr Ruhm kam spät, aber verdient.

In den 1990ern wurden einige Originalaufnahmen mit Audrey Hepburns Interpretationen veröffentlicht. Ob das “Dubbing” also nötig war, kann nun jeder selbst entscheiden. ¶

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