Musikgeschichten: 28. Oktober (1893)

Sehr geweint: Tschaikowskys „Pathétique“

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Holger Noltze
Holger Noltze
28.10.2017

Der Musikprofessor Hermann Laroche war dabei. Im ersten Konzert der Petersburger Russischen Musikgesellschaft hatte Tschaikowsky seine neue, letzte Symphonie dirigiert. Die Zuhörer spendeten „spärlichen“ Beifall, immerhin aber hätten sie, so Laroche, gespannt zugehört. Sie hatten Tschaikowskys letzte Musik nicht verstanden, trotz ihrer „Hits“ und melodischen Herrlichkeiten.

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Peter Tschaikowsky (Foto: Creative Commons)

Sehr wahrscheinlich fehlte es, um Begeisterungsstürme zu entfachen, an jenen rasenden, gelegentlich lärmigen Schlussläufen, mit denen Tschaikowsky seine Symphonien sonst beendete. Diesmal war es anders. Die Sechste, Letzte endet mit einem Adagio lamentoso, so weltenmüde, in einem dunklen morendo ersterbend. Laroche hörte darin „das langsame Dahinscheiden eines Helden“ auf einer imaginären Opernbühne. Der Komponist selbst ließ durchblicken, es gäbe ein Programm, aber eines,

»dass für alle ein Rätsel bleiben wird – man mag herumrätseln... Dieses Programm ist mehr denn je von Subjektivität durchdrungen, und nicht selten habe ich, während ich herumstreifte und in Gedanken an ihr arbeitete, sehr geweint.«

Ersterbend: der letzte Satz von Tschaikowskys “Pathétique”.

Tschaikowsky musste weinen, und die, die seine Musik lieben, auch. Denn tatsächlich war hier ein Ende zu hören, ein Requiem in eigener Sache. Sechs Tage nach der Uraufführung beginnt seine Krankheit, am neunten Tage stirbt Russlands angesehenster Komponist, und dann beginnt das Rätseln: War es das Glas unabgekochten Wassers, dass er allzu sorglos getrunken hatte, starb Tschaikowsky an der in Petersburg grassierenden Cholera? Oder hatte er sich bewusst vergiftet, womöglich auf Druck eines geheimen Ehrengerichts, das Homosexualität mit erzwungener Selbsttötung bestraft sehen wollte? – So steht es, trotz mancher Einwände, im ziemlich amtlichen New Grove Dictionary of Music and Musicians.

Tschaikowskys letztes morendo in der Sechsten aber können wir kaum hören ohne Gedanken an sein so schnelles, trauriges Ende. Die Tränen kommen zuerst, noch vor den Rätseln. ¶

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