Musikgeschichten: 17. November (1908)

Saint-Saëns komponiert die erste Filmmusik

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Bennet Seiger
Bennet Seiger
17.11.2018

Unsere lebenden Filmmusikkomponisten – Hans Zimmer, Howard Shore oder natürlich John Williams – überschwemmen uns gern mit Pathos. Ganz fernab jeglicher “ist das gute Musik”-Diskussionen funktioniert (massentaugliche) Filmmusik, wenn sie die dargestellten Emotionen möglichst affektgeladen verstärkt. Natürlich gibt es auch heute Ausnahmen, aber zu Zeiten des Stummfilms hatte die Musik noch eine ganz eigene und andere Rolle als nur bloße musikalische Verdopplung dessen, was man ohnehin sieht. Die erste Filmmusik der Geschichte wurde am 17. November 1908 zum Film Die Ermordung des Herzogs von Guise uraufgeführt – und stammt von Camille Saint-Saëns.

 

»Monsieur Camille Saint-Saëns hat für “L’Assassinat du Duc de Guise” ein sinfonisches Meisterwerk geschrieben und damit maßgeblich zum Erfolg der Vorführung beigetragen,«

schrieb der französische Journalist Adolphe Brisson lobhudelnd in Le Temps. Er hatte zu den sorgfältig ausgewählten Auserwählten gehört, die der Uraufführung des ersten Stummfilms beiwohnen durften, der mit einer original komponierten Filmmusik ausgestattet war. Saint-Saëns war und ist ein auffällig hartnäckig ignorierter Komponist, der gerne auf den populären Karneval der Tiere reduziert wird. Doch hatte er in seiner beachtlich langen Lebensspanne – geboren acht Jahre nach dem Tod Beethovens und gestorben acht Jahre nach Strawinskys Sacre – eine Vielzahl von musikästhetischen Umbrüchen kennen gelernt. Am Anfang ausgepfiffen für seine angeblich zu schroffe Modernität, schrieb ihm Debussy später Attribute wie “antiquiert” und “akademisch” zu. Und dieses angebliche Fossil Saint-Saëns entdeckt nun als 73-Jähriger die großartigen Möglichkeiten der Zusammenwirkung von Musik und Film.

 

Duc de Guise
Der Duc de Guise, auch Le Balafré (“Narbengesicht”) genannt

Mit diesem Historien-Streifen wurde eines der ersten Lichtspieltheater überhaupt eingeweiht, der Salle Visions d’Art. Der rund 15-minütige Film war ein spektakulärer Erfolg beim Publikum und verhalf der jungen Cinematographie endgültig zum Durchbruch als anerkannte, neue Kunstform. Er hebt sich dabei deutlich von der Naivität früherer Produktionen ab: Durch eine abwechslungsreiche Dramaturgie und eine enorme Präzision in der Ausstattung – die natürlich noch immer in der Theatertradition verankert ist, wie wackelnde Kulissen und aufgemalte Bühnenbilder zeigen.

Die Musik war aber wohl die spektakulärste Neuerung, die ein Film überhaupt liefern konnte. War es bis dahin üblich, dass Filmszenen von Musikern – meist am Klavier – improvisierend begleitet und untermalt wurden, schrieb Saint-Saëns eine Musik, die mehr als Klangtapete ist. Es ist keine illustrative Musik: Klar umrissene, musikalische Themen legen deutliche Akzente in der Handlung fest. Von der Oper inspiriert, erscheinen sie immer wieder als Vorahnung und Erinnerung: Musik nicht als gefühlsduselige Untermalung, sondern als eigene Bedeutungsebene.

 

Introduction und erstes Tableau – gespielt vom Ensemble Musique Oblique

Kurze Zeit nach der Uraufführung schrieb der Russe Michail Ippolitow-Iwanow die Musik zum Film Stenka Rasin. Der Verleih bot den Film gleich in mehreren Aufführungsversionen an – darunter auch für ein Grammophon. Eine Neuerung, die die Einheit von Film und Musik besiegeln sollte.¶

 

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