Musikgeschichten: 18. Februar (1908)

Puccini, der Ägyptologe

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Bennet Seiger
Bennet Seiger
18.02.2020

Für Giacomo Puccini lief es ziemlich gut. Durch seine zahlreichen, enorm erfolgreichen Opern hatte er einigen Ruhm erlangt – und lebte sehr gut davon. Doch im Jahr 1904 gab es einen Rückschlag: Am 17. Februar wurde an der Mailänder Scala die erste, damals noch zweiaktige Fassung seiner Madama Butterfly uraufgeführt. Ein Fiasko, bei dem unverhohlen gebuht, höhnisch gelacht und laut gepfiffen wurde. Der erfolgsverliebte Puccini zog seine Partitur sofort zurück, überarbeitete sie und organisierte schon Ende Mai eine erneute Aufführung – der jetzt dreiaktigen Fassung – in Brescia. Die Oper war plötzlich ein immenser Erfolg, und für Puccini und seine Frau Elvira ging es auf Reisen: Durch Frankreich, Italien, Südamerika und Ägypten, wo sich das Ehepaar frenetisch feiern ließ. Am 18. Februar 1908 schreibt Giacomo einen kuriosen Brief aus Kairo an seine Lieblingsschwester Ramelde, in dem er schlicht 64 Dinge aufzählt, die er gesehen hat.

»Die Pyramiden, das Kamel, die Palmen, die Turbane, die Sonnenuntergänge, die Truhen, die Mumien, die Skarabäen, die Kolosse, die Säulen, die Königsgräber, die Feluken auf dem Nil, der Fez, der Tarbusch, die Neger, die Halbneger, die verschleierten Frauen, die Sonne, der gelbe Sand, die Strauße, die Engländer, die Museen, die Toren für den Eintritt in Aida, ...«

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Giacomo Puccini

(Foto: Public Domain)

Verdis Aida war für Puccini ein zentrales Werk seiner eigenen Biographie. Nach einer Aufführung in Pisa hatte er sich entschlossen, Opern zu komponieren – und ging ab 1880 ans Konservatorium in Mailand in die Klasse von Amilcare Ponchielli. Bald wurde er zu dem bedeutendsten Vertreter des italienischen Verismo. Seine Stärke: Das Leid intensiver Frauenfiguren ungeschont darzustellen. Zwar zeigte er auf der Bühne die ungeschminkten sozialen Ungerechtigkeiten, war selbst aber ein regelrechter Lebemann. Puccini war eine faszinierende Persönlichkeit, hatte intensive Affären zu unzähligen Frauen, liebte schnelle Autos. 1903 wurde er in einen schweren Unfall verwickelt, aufgrund dessen er die Kompositionsarbeit an Madama Butterfly für etliche Monate unterbrechen musste. Puccini stand gerne im Rampenlicht und liebte es, geliebt zu werden, also reiste er seinem Ruhm nach. Am 3. Februar 1908 war er mit dem Schiff nach Alexandria aufgebrochen, wo er am 5. ankam und am 6. eine Aufführung seiner Madama besuchte.

»… die Ramses I, II und III und so weiter, der fruchtbare Schlamm, die Katarakte, die Moscheen und Fliegen, die Hotels, das Nildelta, der Ibis, die Büffel, die lästigen Straßenhändler, der Gestank von Bratfett, die Minarette, die koptischen Kirchen, der Baum der Madonna, die Dampfschiffe von Cook, die Esel, das Zuckerrohr, die Baumwolle, die Akazien, die Sykomoren, der türkische Kaffee, die Musikgruppen mit Pfeifenspielern und Trommlern, die Prozessionen, der Basar, der Bauchtanz, die Krähen, die schwarzen Falken,...«

Was er überhaupt von Ägypten hielt, lässt sich aus seinem Brief nicht ablesen. Er besuchte noch eine Aufführung seiner Tosca, hatte dann aber offensichtlich genug. So seltsam wie der Brief begonnen hat, so ironisch schließt er auch:

»… die Tänzerinnen, die Derwische, die Levantiner, die Beduinen, der Kedive, Theben, die Zigaretten, die Wasserpfeife, das Haschisch, Bakschisch, die Sphingen, der immense Ptah, Isis, Osiris haben mir jetzt wirklich den Garaus gemacht, und am 20. fahre ich hier weg, um mich zu erholen. Dein Ägyptologe.« ¶

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