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Musikgeschichten: 24. September (1944)

Musikalischer Trost im Grauen: Die „Dachau-Messe“

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Georg Holzer
Georg Holzer
24.09.2019

Musik im Konzentrationslager – das ist ein großes Thema, über das aus gutem Grund viel geschrieben und geforscht wird. Inmitten des unfassbaren Grauens konnte die Musik zumindest für Momente Trost und Sinn schenken. Die Musiker im „Vorzeige-KZ“ von Theresienstadt komponierten und musizierten, bevor sie in Auschwitz ermordet wurden. Das Moorsoldatenlied aus dem KZ Börgermoor wurde zur Hymne linksgerichteter Nazi-Gegner. Ein weniger bekanntes, aber berührendes Stück wurde am 24. September 1944 uraufgeführt: die Dachau-Messe oder Dachauer Messe des Benediktinerpaters Gregor Schwake.

Das “Benedictus” aus der “Dachau-Messe”

Schwake, der aus Emmerich am Niederrhein stammte, war eine Frohnatur, wie sie in diesem Landstrich häufig vorkommen sollen. Mit 20 Jahren hatte er sich für das Klosterleben entschieden und dann neben der Theologie auch Musik studiert. Er absolvierte eine kirchenmusikalische Ausbildung und promovierte 1924 in Musikwissenschaften. 1929 gründete er die Volkswochen für Liturgie und Kirchenmusik und beschäftigte sich mit einer Erneuerung der katholischen Liturgie. Von Anfang an war Pater Schwake ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten. 1941 wurden die Mönche aus seinem Heimatkloster Gerleve im Münsterland vertrieben, er selbst wurde im Oktober 1943 in Linz, wo er einen Choralkurs gab, von der Gestapo verhaftet. Von da an war Schwake Häftling in Block 26 des Konzentrationslagers Dachau, dem sogenannten Pfarrerblock. Durch die Protektion eines Ordensbruders wurde er zu relativ erträglichen Arbeiten eingeteilt. Er leitete den Priesterchor des Blocks und betätigte sich als Organist. Im September 1944 wurde er auch als Komponist aktiv: Er schrieb eine komplette Messe für Männerchor und Blechbläser.

Gregor Schwake

Gregor Schwake

(Foto: Public Domain)

Diese Dachau-Messe ist kein Zeugnis großer Originalität, aber das war sicher nicht gefragt. Es ist ein Stück, das handwerklich gut gemacht ist, schnell ins Ohr geht und in kurzer Zeit zu schreiben und einzustudieren war. Diese Musik ist ein bewegendes Dokument von Überlebenswillen und Gottvertrauen, darauf kommt es an. Pater Schwake überlebte die Gefangenschaft in Dachau und wurde am 10. April 1945 von US-Truppen befreit. Nach ein paar Jahren im Süden kehrte er 1948 in die Abtei Gerleve zurück, wo er weiter musikalisch wirkte. Sein Humor und seine Zuversicht waren ungebrochen. Für ihn war Musik aktives und freudiges Gotteslob. Sein Wahlspruch war:

»Volkschoral, wie muss er sein? Kraftvoll wie der Niederrhein!«

Schwake schrieb bis zu seinem Tod 1967 Musik und auch Komödien im niederdeutschen Dialekt, doch die Partitur seines historisch bedeutendsten Werks war verschollen und ist es bis heute. Durch die Recherchen von Eleonore Philipp tauchte jedoch eine andere Version der Messe auf. 1945 hatte sich Pater Schwake im Franziskanerkloster Reute in Bad Waldsee von der Lagerhaft erholt und dabei eine Bearbeitung seiner Messe für Frauenchor und Orgel geschaffen. Aus dieser Partitur rekonstruierte man das Original. So wurde die Messe 1997 in Friedrichshafen wieder aufgeführt und hat seitdem einige weitere Aufführungen erlebt. Die Partitur ist inzwischen im Internet verfügbar und darf nach dem Willen von Gregor Schwakes Erben rechtefrei verwendet werden. Es ist ein Gewinn, dass dieses einzigartige Zeitdokument der Allgemeinheit zugänglich ist. ¶

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