POST VON BEETHOVEN #3: 10. Februar (1811)

An Bettina Brentano: »Liebe, liebe Bettine«

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Post von Beethoven: Briefe vom Meister, in loser Folge, geöffnet von Holger Noltze.

Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven
10.02.2020

Zwei von drei Briefen des großen Komponisten soll sie erfunden haben. So wie allerhand aus ihrer Korrespondenz und Begegnungen mit dem großen Goethe. Dieses Schreiben aber, am 10. Februar nach Berlin geschickt, ist echt, und ist tatsächlich von einigem emotionalen Überschwang. Vielleicht übertreibt Beethoven aber auch, denn der Anfang ist ja eigentlich eine Entschuldigung, dass er schon zweimal Post von ihr bekommen hat, er seinerseits „nicht so oft schreibe“. Jedenfalls nicht auf Papier, dafür aber

»1000 1000mal tausend Briefe in Gedanken.«

Bettina

Bettina Brentano.

(Foto: Public Domain)

Damit stellt er sich auf den romantisch hysterisierten Sound ein, den die junge Frau anschlägt, um ältere große Männer zu ebensolchen Statements herauszufordern und so was für die eigene Unsterblichkeit zu tun (wie der tschechische Schriftsteller Milan Kundera es analysierte).
Beethoven spottet über die Berliner Kunstgeschwätzszene, er wünscht aber vor allem alles Gute für eine Hochzeit, von der er nicht weiß, ob sie schon stattgefunden hat. Hatte sie nicht, sollte sie erst, Anfang März des nächsten Jahres. Da ehelichte die Schwester des Dichters Clemens Brentano dessen Kollegen und Wunderhorn-Mitsammler Achim von Arnim. Clemens kommt auch vor, Beethoven bedankt sich für den Vorschlag zu einer Kantate zu Ehren der verstorbenen preußischen Königin Luise, die er aber, fern von Berlin, nicht „Wichtig genug“ findet und auch nie komponiert hat. Etwas anderes ist Goethes Egmont,

»wozu ich die Musick gesetzt, und zwar Bloß aus liebe zu seinen Dichtungen, die mich glücklich machen...«

Die Egmont-Ouvertüre.

Er will deswegen selbst noch nach Weimar schreiben, bittet Bettina aber, vorab schon einmal ein paar Worte der innigsten Bewunderung für Goethe auszusuchen. Und dann unterbricht er sich – „nun Nichts Mehr, liebe gute B.“, denn er ist müde, kam

»diesen Morgen um 4 Uhr erst von einem Bachanal, wo ich sogar viel lachen muste, und bejnahe eben so viel weinen. Rauschende Freude Treibt mich oft gewaltthätig wieder in mich selbst zurück«

Da haben wir Beethoven, den Zecher auf Bachanalen, zwischen Lachen und Weinen, und er schließt mit einer für eine junge Braut leicht übergriffigen Wendung zum Du:

»leb wohl, liebe, liebe B., ich küsse dich auf deine Stirne und drücke damit, wie mit einem Siegel, alle meine Gedanken für dich, auf.«

Wurde da ein Geheimnis versiegelt? Ist am Ende Bettina die unbekannte Adressatin des großen Briefs an die „Unsterbliche Geliebte“, anderthalb Jahre später? – Auch dazu gibt es eine biographische Spekulation, ist aber sehr wahrscheinlich Unsinn. Aber ein verkaterter Beethoven, der sich Stirnküsse an junge Frauen ausdenkt, mit denen er „alle meine Gedanken für dich“ siegelt: schon rührend. ¶

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