KESTINGS FLASCHENPOST: KLEINE SCHULE DER GESANGSKUNST

Reinste musikalische Schönheit

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Es existiert kein Instrument, das sich der menschlichen Stimme vergleichen ließe, fand schon William Byrd. Ob uns ein Gesang anspricht oder nicht, ist meist schnell klar; aber schwer zu sagen, warum. Jürgen Kesting, takt1-Kolumnist und einer der international führenden Experten der Gesangskunst, führt hier in diesen „Flaschenposten“ in das kleine und große Einmaleins des Kunstgesangs ein. In loser Folge geht es ums Wesentliche: um technische Themen, um zentrale Werke, vor allem aber um große Sängerinnen und Sänger. Ihre Aufnahmen, nicht wenige mehr als hundert Jahre alt, sind Flaschenpost einer vergangenen Zeit, nicht selten lehrreich fürs Heute.

Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
16.02.2022

Alle Lobredner, welche in den Superlative verliebt sind, wollen mehr, als sie können. Von der „besten Sängerin der Welt“ zu sprechen ist ein Lob, das von Anmaßung zeugt. Dass es Arturo Toscanini war, der sich 1929 dazu hinreißen ließ, gibt seiner Bewunderung für die Sopranistin Elisabeth Rethberg allerdings Gewicht. Nicht weniger bemerkenswert ist die Hymne des Pianisten Edwin McArthur: „Elisabeth strömte den schönsten Klang aus, den ich jemals von einer Stimme gehört habe.“ Ihm war die Stimme so nah wie kaum einem anderen – er war ihr Begleiter bei Liederabenden und wohl auch Coach. Als McArthur sie am 11. November 1925 mit Giovanni Martinelli in Aida zum ersten Mal hörte, konnte er, wie er später sagte, „nicht glauben, dass solche Klänge aus menschlichen Kehlen kommen konnten.“

Elisabeth Rethberg singt „O patria mia“ aus Verdis „Aida“, 1924.

Der Zauber ihrer ersten Aufnahme liegt darin, dass sie die von einem Bindebogen überwölbte Phrase, die auf das C3 führt, auf einem Atem singt und auch zu Ende führt ­­ – mit dem „einzigartigen Leuchten ihrer hohen, klaren, flüssigen Töne, die unangestrengt über das Orchester fluteten“ („high, clear, liquid tones of a singular brightness floating above Verdi's orchestration with unforced ease“), wie der Kritiker Richard Aldrich nach ihrem Debüt geschrieben hatte. Die Wirkung ihres Singens beruhte nicht, wie bei der zur selben Zeit an der MET tätigen Rosa Ponselle, auf der schieren Klangfülle und dem dramatischem Ausdruck, sondern der noblen und reinen Schönheit, mit der sie eine melodische Linie formte. Die Textur der Stimme war fein, gleichsam wie emailliert, der Klang von schimmernder Schönheit.

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Die New York Guild of Vocal Teachers verlieh ihr eine Goldmedaille als „vollkommenste Gesangskünstlerin der Welt: Elisabeth Rethberg.

(Foto: Public Domain)

Elisabeth Rethberg begann im Alter von fünf Jahren, Klavier zu spielen, gab mit siebzehn Jahren ihr erstes öffentliches Konzert, debütierte 1915 im Alter von neunzehn Jahren an der Dresdner Hofoper. Schon bald war klar, dass man seit Lilli Lehmann keine Sängerin mit so erlesenen musikalischen Qualitäten gehört hatte. Insgesamt hat sie an der Sächsischen Staatsoper 106 Partien gesungen, ein Repertoire von fast unbegreiflicher Breite: dramatische Koloratur-Partien wie Konstanze in Mozarts Entführung oder Leonora in Il Trovatore; lyrische wie Ilia, die Figaro-Gräfin, Pamina und Bizets Micaëla; lyrisch-dramatische wie Aida oder Butterfly; und selbst „widerständige Wagner-Strophen sang sie“, wie der Kritiker-Papst William James Henderson schrieb, „mit einer Grazie und Geschmeidigkeit, die man nur jenseits der Alpen vermutet. Aber unter dem Samt lag ein kräftiger, sicherer Ton-Körper“. Ein prachtvolles Beispiel für das lyrische Leuchten ihres Klangs ist Elsas Klage „Euch Lüften“, weil hier selbst die mit der Halbstimme gebildeten Phrasen voll und intensiv klingen.

„Euch Lüften, die mein Klagen“ aus Wagners „Lohengrin“ mit Elisabeth Rethberg, 1927.

Wenn Elisabeth Rethberg aus den USA – von der MET oder der Lyric Opera Chicago – zurück nach Dresden kam, wurden Rethberg-Wochen gefeiert. Bei den Salzburger Festspielen war sie als Konstanze, Donna Anna, als Figaro-Gräfin und auch als Marschallin zu hören. An der MET hat sie zwischen 1922 und 1942 dreißig Rollen in 270 Aufführungen gesungen; hinzu kommen achtzig Abende während der Tourneen des MET-Ensembles. 1929 erhielt sie auf Beschluss von 3000 Mitgliedern der New York Guild of Vocal Teachers eine Goldmedaille als „vollkommenste Gesangskünstlerin der Welt“.

Die ersten warnenden Kommentare wurden in den dreißiger Jahren vernehmlich, als sie eine dramatische Partie wie Rachel in La Juive übernahm; und der Versuch, in ihrer letzten Saison an der MET (1942) die Brünnhilde in Siegfried singen – zu einer Zeit, in der Kirsten Flagstad das Wagner-Fach dominierte –, wurde als „eine reductio ad absurdum ihrer Karriere“ (Irving Kolodin) beklagt.

Man muss sie mit den Platten aus den zwanziger und den frühen dreißiger Jahren hören. Hier ist die Stimme quellklar, leuchtend wie ein Diamant, durchdringend wie eine Silbertrompete, die Phrasierung weit gespannt und ausdrucksvoll, die Balance von Wort und Ton musterhaft. Allerdings ist ihr Ton, bei aller Intensität und Schallkraft, nicht weich und nicht so klangreich wie zum Beispiel der von Lotte Lehmann oder von Claudia Muzio. Rethberg zeigt, dass etwa die Musik Verdis, wenn mit musikalischem Gefühl und allen vokalen Mitteln gesungen, ihre eigene Emotion entfaltet, also nicht einer emotionalen Ausdrucksverstärkung bedarf. Amelia in Verdis Un ballo in maschera gehörte zu ihren besten Rollen. Die Arie aus dem zweiten Akt (aufgenommen am 23. Dezember 1923) zählt zu den Sternstunden des Verdi-Gesangs – nicht durch das, was oft als „Intensität des Ausdrucks“ beschrieben wird oder als „Indentifikation mit der Rolle“. Nein, „letztlich behalten wir Rethbergs Aufnahme von Amelias „Ma dall’aride stelo“ als die am höchsten zu schätzende in Erinnerung, weil sie ihren Ausdruck findet in reinster musikalischer Schönheit.“ (John Steane)

„Ma dall’aride stelo“ aus Verdis „Un ballo in maschera”, 1929.

Dacapo für eine Erinnerung: Mit der Flaschenpost kommen Platten zurück, die ohne Schnitte, ohne Korrekturen entstanden sind. Wir hören die Sängerin, wie sie sang – in Echtzeit und in unverfälschter Echtheit. ¶

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