THE SOCIETY OF MUSIC: 2. September 2020

O Wort, das mir fehlt

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Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
02.09.2020

O Hoffnung, laß, durch dich empor gehoben,

Den Dulder ahnen, daß dort oben

Ein Engel seine Tränen zählt!

Die Verse finden sich in einem Gedicht von Christoph August Tiedge, einst viel gelesen, heute fast vergessen. Es stammt aus dessen Hauptwerk „Urania“, gedacht als „eine auf rationalistischer Anschauung aufgebaute poetische Behandlung der Kant'schen Philosophie“. Etliche der Verse wie

Ob ein Gott sei? Ob er einst erfülle,

Was die Sehnsucht weinend sich verspricht?

Ob, vor irgendeinem Weltgericht,

Sich dies rätselhafte Sein enthülle?

Hoffen soll der Mensch! Er frage nicht!

fußen auf zentralen Gedanken aus Immanuel Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ und der „Kritik der Urteilskraft“. Zweimal innerhalb eines Jahrzehnts hat Beethoven diesen Text vertont – die moraltheologischen Gedanken waren seinen Vorstellungen und Hoffnungen nah. Es ist, wie Hans-Joachim Hinrichsen in seinem faszinierenden Beethoven-Buch betont, „Weltanschauungsmusik“ wie der „Fidelo“, wie auch die Neunte Symphonie. Das Lied stand jüngst bei den Salzburger Festspielen als zweites Lied auf einem Programm eines Beethoven-Abends. Vom Text habe ich wie zu Anfang bei einigen anderen Liedern kaum ein Wort verstanden. Nun sind die Worte – muss das betont werden? – im Lied wie in der Oper Teil der Musik und Träger des Sinns. Und es zeugt, wie der Komponist Reynaldo in seinem wunderbaren Buch „Du chant“ bemerkt, von einer Anästhesie des Geistes, wenn man sich mit wie immer schönen „Stimmaufstößen“ begnügt.

Dietrich Fischer-Dieskau singt Beethovens “An die Hoffnung”, op. 94.

Daran erinnert wurde ich am nächsten Abend, bei dem der französische Tenor Benjamin Bernheim, der auf der Erfolgsleiter derzeit zwei Stufen auf einmal klettert, Hector Berlioz‘ „Les Nuits d’éte“ und sechs weitere Lieder von Henri Duparc, Charles Gounod, Francis Poulenc und Reynaldo Hahn gewählt hatte. Er bereitete dem entzückten Publikum eine „L’heure exquise“ – um mit dem Titel des vorerwähnten Reynaldo Hahn zu sprechen. Als er die erste „mélodie“, um den korrekten französischen Begriff zu gebrauchen, von Hector Berlioz „Les Nuits d’Été“ mit dem Sehnsuchtsruf „Reviens, reviens ma bien-aimée“ eröffnete, wurde die Wortgestalt wie eine Klangskulptur sichtbar – sinnig und zugleich sinnlich. Auch mit dem unendlich zarten wie zärtlichen Pianissimo-Vortrag des Gesangs von Hahn, getaucht in fahl-nächtliche Farben und durchtränkt mit sinnlichem Locken, brachte Bernheim eine grundlegende Regel der französischen Gesangskunst in Erinnerung, die Charles Gounod hinsichtlich des Umgangs mit der Aussprache („prononciation“) gesetzt hatte:

„Sie muß klar, sauber, distinkt und exakt sein. Das besagt, daß sie dem Ohr in keinem Augenblick irgendeine Ungewissheit betreffs des ausgesprochenen Wortes bereitet. Sie muß ausdrucksvoll sein, und das meint, daß sie dem Geist das Gefühl, das sie mit dem Wort ausgedrückt hat, sinnenfällig machen muß. Was Klarheit, Sauberkeit, Exaktheit angeht, so ist Aussprache gleichzusetzen mit Artikulation. Die Aufgabe der Artikulation besteht darin, die äußere Form des Wortes sauber nachzuformen. Alles andere ist Aufgabe der Aussprache. Sie ist es, die das Wort mit Gedanken füllt, mit Sentiment, mit Passion. Artikulation sichert Sauberkeit, Aussprache schafft Eloquenz.“ 

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