KESTINGS FLASCHENPOST: KLEINE SCHULE DER GESANGSKUNST

Lyrische Stimme, dramatisches Temperament: Lotte Lehmann

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Es existiert kein Instrument, das sich der menschlichen Stimme vergleichen ließe, fand schon William Byrd. Ob uns ein Gesang anspricht oder nicht, ist meist schnell klar; aber schwer zu sagen, warum. Jürgen Kesting, takt1-Kolumnist und einer der international führenden Experten der Gesangskunst, führt hier in diesen „Flaschenposten“ in das kleine und große Einmaleins des Kunstgesangs ein. In loser Folge geht es ums Wesentliche: um technische Themen, um zentrale Werke, vor allem aber um große Sängerinnen und Sänger. Ihre Aufnahmen, nicht wenige mehr als hundert Jahre alt, sind Flaschenpost einer vergangenen Zeit, nicht selten lehrreich fürs Heute.

Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
18.01.2023

„Wie nahte mir der Schlummer, bevor ich ihn geseh’n.“ Die vier Takte zu  Beginn von Agathes Szene aus dem zweiten Akt von Webers Der Freischütz sind syllabisch – eine Note für jede Silbe – notiert: zehn kurze Noten, überwiegend Achtel und Sechzehntel, und dann eine doppelt punktierte Halbe auf dem Wort „ihn“. Je eine halbe Minuten Aufmerksamkeit sei erbeten für drei Sängerinnen: Karita Mattila in der Aufnahme unter Sir Colin Davis von 1991, für Sharon Sweet unter Marek Janowksi von 1994 und für Luba Organosowa 1996.

Wie unterschiedlich die Stimmen der drei Damen, so ähnlich die Zurückhaltung des Vortrags. Keine dieser Agathen hat das Herz auf der Zunge, um vom Seelen- und Sinnenzauber des ersten Augenblicks zu künden; und bei keiner klingt an, was es mit dem Schlummer auf sich hat. Das Wort ist in zwei Achteln auf dem A notiert – auf einer starken (männlichen) und einer schwachen (weiblichen) Silbe. Die drei Sängerinnen haben es auf gleicher Tonhöhe gesungen – scheinbar korrekt, aber gegen den Sprachsinn. Sie berichten von ihren Herzensregungen. Dass Agathe, vom Schlummer sprechend, vor Sehnsucht fiebert, ist in der Aufnahme von Lotte Lehmann zu hören: durch die Appoggiatur auf der ersten Silbe; danach wird durch die emphatische Wortakzentuierung von „ihn“ der Ersehnte zu einer musikalischen Klanggestalt wird:

Hier ist keine ahnungslose Jungfrau zu hören, sondern eine erwartungsvolle junge Frau, die schon vor der ersten Umarmung von der Liebe weiß und deren Kummer erahnt. 

Bei diesem Vergleich geht es nicht um eine sängerische oder stimmliche Wertung. Er soll zeigen, in wie hohem Maß musikalische Darstellungen jenseits der technischen Ausführung modischen Veränderungen unterliegen und vielleicht mehr noch dem Wandel der Empfindungen. Für viele heutige Hörer wirkt Lotte Lehmann wie ein Wesen von einem in die Ferne des Alls entschwundenen Planeten – wie übrigens auch Maria Müller, Tiana Lemnitz oder Elisabeth Grümmer. Schon für Wieland Wagner waren die blonden Unschuldsgeschöpfe aus den romantischen Opern zu fremden Wesen geworden. Ein Fazit: Agathes Agathes inneres Beben, Elsas Sehnsuchtsgesang, Elisabeths Gebet an die „Allmächt’ge Jungfrau“ haben mit dem heutigen Empfindungsleben nur noch wenig zu tun.

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Die Sopranistin Lotte Lehmann.

(Foto: Public Domain)

Eine Sängerin wie Lotte Lehmann ist ohne Blick auf die Zeitgeschichte und Erinnerung an die Mentalitätsgeschichte nicht einzuschätzen. Dass sie alles andere als technisch perfekt war, spricht aus dem Lob von Arturo Toscanini: „Wenn die Lehmann einen Schmiss macht, ist sie mir immer noch lieber als die anderen.“ 1888 geboren wie Frida Leider, Elisabeth Ohms, Elisabeth Schumann, Heinrich Schlusnus und Friedrich Schorr, gehörte sie einer Generation von Künstlern an, die, stimmlich gereift und musikalisch geschult durch das Ensemble-Theater, einen überzeugenden deutschen Wagner-Stil geprägt haben, aber auf der Grundlage eines italienische Gesangswohllauts. Leider hat sie nur eine einzige Verdi-Szene – die der Desdemona – aufgenommen, aber die Glut von Italianità lodert aus ihrer Darstellung von Toscas „Nur der Schönheit“. Es ist, wie selbst die Bewunderer von Maria Callas einräumen, die suggestivste Darstellung dieser Szene, weil die Lehmann in ihrer dramatischen Exaltation weiter geht als jede andere:

Wenn, dann bestätigt diese Aufnahme das Wort von Walter Legge, dass Lotte Lehmann „nie einen jungfräulichen Klang gesungen hat“. Bei ihr verbanden sich leidenschaftliche Empfindungsstärke mit dem Anspruch auf die erotische und sexuelle Freiheit. 

Nach Anfangsjahren in Hamburg führte Lotte Lehmanns Weg 1916 nach Wien. Dort sang sie ein riesiges Repertoire: Charlotte in Werther, Lisa in Pique Dame, Tatiana in Eugen Onegin, Manon, Desdemona, die Färbersfrau in der Uraufführung von Strauss’ Die Frau ohne Schatten, Maddalena in Andrea Chenier, Mimì, Manon Lescaut, Cio-Cio-San, Octavian und Wiens erste Suor Angelica vor dem zu Tränen gerührten Puccini. Nach der Aufführung schrieb der Komponist an seine Freundin Sybil Seligman, dass Suor Angelica das erfolgreichste Stück aus dem Trittico war, „auch wegen der guten Lotte Lehmann. Sie ist zwar eine Deutsche, aber eine feine, subtile Künstlerin – einfach und ohne alle Allüren einer Primadonna, mit einer Stimme so süß wie Honig“. Sie wagte sich selbst an die Turandot. Nach der Rolle befragt, erwiderte sie: „Oh ja, ich mag diese Rolle, vor allem dann, wenn Maria Nemeth sie singt.“ In einem späteren Interview hat sie gegenüber Lanfranco Rasponi eingestanden: „Vielleicht hätte ich die Rolle nicht übernehmen sollen, denn sie ist tödlich für die Stimme, aber musikalisch faszinierend.“ Verzichtet hat sie allerdings auf eine Partie, zu der sie von Franz Schalk wie Bruno Walter gedrängt wurde: Wagners Isolde.

Ihre internationale Karriere begann im Mai 1924 in London. Zehn Jahre später kam sie, nachdem sie Berlin-Offerten der Nazis abgelehnt hatte, an die Met – am 11. Januar 1934 als Sieglinde (Die Walküre) . Es war eine ihrer besten Rollen – glanzvoll dokumentiert durch die Aufnahme des ersten Aktes unter Bruno Walter mit Lauritz Melchior und Emanuel List als Partnern, ebenso durch einen Mitschnitt unter Erich Leinsdorf: mit Marjorie Lawrence, Friedrich Schorr und Lauritz Melchior.

Lotte Lehmann hatte zwar eine lyrische Stimme, aber ein dramatisches Temperament – und den Charme einer echten Comédienne. Eines der schönsten Zeugnisse: Überragend die Aufnahme von Frau Fluths Arie „Nun eilt herbei, Witz heit’re Laune” – ein Meisterstück subtilsten vokalen Agierens, sozusagen Kino für die Ohren. ¶

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