Kestings Flaschenpost: Kleine Schule der Gesangskunst

Il Primo Basso?

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Es existiert kein Instrument, das sich der menschlichen Stimme vergleichen ließe, fand schon William Byrd. Ob uns ein Gesang anspricht oder nicht, ist meist schnell klar; aber schwer zu sagen, warum. Jürgen Kesting, takt1-Kolumnist und einer der international führenden Experten der Gesangskunst, führt hier in diesen „Flaschenposten“ in das kleine und große Einmaleins des Kunstgesangs ein. In loser Folge geht es ums Wesentliche: um technische Themen, um zentrale Werke, vor allem aber um große Sängerinnen und Sänger. Ihre Aufnahmen, nicht wenige mehr als hundert Jahre alt, sind Flaschenpost einer vergangenen Zeit, nicht selten lehrreich fürs Heute.

Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
20.01.2021

Wenn es eine leidige Frage gibt, dann ist es die Fan-Frage nach der brillantesten Diva oder dem größten Tenor. Die nach dem primo basso wird nicht oder nur unter Connaisseurs gestellt. Zu den Bewerbern gehören, was Stimmfülle und Umfang angeht, Lew Sibiriakow, Alexander Kipnis, Nazzareno de Angelis und Jose Mardones, hinsichtlich eleganter Virtuosität der Franzose Pol Plançon, nach Ansicht von William James Hendseron (The Art of Singing) „the most perfect vocalist who ever trod the stage“.

Ihnen in all diesen Belangen (abgesehen vom Triller) ebenbürtig war Ezio Pinza. Er besaß den klangschönsten basso cantante (zum Teufel mit der Angst vor Superlativen!) des vergangenen Jahrhunderts, der sich lyrisch mit den feinsten mezza-voce-Effekten verströmen und im Forte machtvoll öffnen konnte. Seine Kollegen an der Met sollen ihn nach dem Versteck seines Megaphons gefragt haben – gerade Live-Mitschnitte lassen erkennen, wie mühelos, ja megaphonisch seine Stimme den Riesenraum füllte. Er hatte die Reichweite für eine hohe Cantante-Partie wie Figaro ebenso wie die für tiefe Basslage – etwa für das tiefe D des Osmin, das er in einer Spätaufnahme unter Bruno Walter ausrollen lassen konnte. Und wenn einer die Macho-Ausstrahlung eines Don Giovanni besaß, dann der 1892 geborene Römer, der eine Karriere als Radrennfahrer aufgegeben hatte, um Gesang zu studieren – ohne Noten lesen zu können. Don Giovanni gehörte zu seinen Paraderollen – er hat ihn unter Bruno Walter in Salzburg wie an der Met gesungen (ein denkwürdiger Mitschnitt liegt) und die Rolle auch im Leben gespielt.

ezio pinza

War er der Beste? Der Bassist Ezio Pinza.

(Foto: Public Domain)

Eine Arie zum Kennenlernen? Dann vielleicht, wenn es um Legato, Messa di voce und Portamento geht, die des Silva aus Giuseppe Verdis Ernani. Ihr Thema: die Klage des spanischen Graden Silva, der im Gemach seiner Frau Elvira zwei „seddutori“ antrifft (Rezitativ) und sein Unglück beklagt (Arie).

Ezio Pinza singt „Che mai vegg’io ... Infelice! E tuo credevi“ aus Verdis „Ernani“.

Der Umfang reicht vom tiefen G bis zum hohen F, ihr Zentrum (Tessitura) vom Dis bis zum Es. Es gibt weder Anforderungen hinsichtlich der Agilität noch des verbalen Agierens (etwa im Vergleich mit dem Monolog des Filippo). Obwohl Pinza das Rezitativ schneller singt als die zum Vergleich herangezogenen Bässe (Tancredi Paero, Cesare Siepi, Ruggero Raimondi, Nicolai Ghiaurov), ist seine Deklamation deutlicher und plastischer. Der Grund: die raschere Verbindung von Konsonanten und Vokalen. Im Andante zeichnet er sich aus durch ein strömendes Legato auf der Grundlage des Portamento. Damit ist die gleitende Verbindung von zwei unter einem Bindebogen stehenden Noten gemeint.

In den beiden ersten Versen fallen auf „credevi“ und „immaccolato“ jeweils eine Halbe und eine Achtel. Viele moderne Sänger bilden das Intervall gleichsam so, als würden sie eine Treppe herabsteigen: Sie halten die halbe Note der ersten Silbe in voller Länge und treten bei der zweiten Silbe hinunter. Pinza gleitet durch die Intervalle – rascher durch die aufsteigenden, langsamer durch die fallenden. Die langen Noten bekommen durch das pulsierende Vibrato und feine dynamische Abstufungen große Intensität. Crescendo und Decrescendo-Phrasen – „dar ti gelo“ – werden expansiv gebildet, und auch beim hohen F bleibt der Klang im Focus und Vokalfarbe echt. Akzente werden markant, aber nie stößig gesetzt. Nach der Kadenz singt er auf „ancora“ das schönste Pianissimo, das ein Bass je auf Platten gesungen hat, und wenn man denkt, dass dem armen Silva das Herz bricht, folgt auf „il cor“ ein leiser, aber geformter Herzenston. ¶

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