THE SOCIETY OF MUSIC: 18. März 2020

Gute Partner für Selbstgespräche

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Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
18.03.2020

Es waren 1348 Jahre seit der

»heilbringenden Fleischwerdung des Gottessohnes vergangen, als die herrliche Stadt Florenz von der todbringenden Pest heimgesucht wurde . ... Gegen dieses Übel half keine Klugheit oder Vorkehrung, obgleich man es daran nicht fehlen und die Stadt durch eigens dazu ernannte Beamte von allem Unrat reinigen ließ.«

Zu lesen ist dies in der Einleitung von Giovanni Boccaccios Il Decamarone. Das zentrale Thema der hundert Geschichten ist die Macht des Eros in all seinen Erscheinungsformen, der Hintergrund die Erfahrung der todbringendem Seuche mit ihren schrecklichen Auswirkung auf das Verhalten der Menschen. Auf den Vorschlag einer jungen Frau namens Pampinea ziehen sich zehn junge Leute in eine Villa auf dem Lande zurück, wo sie sich, ohne die Grenzen der Vernunft zu verletzten, alle Heiterkeit und Lebensfreude gönnen sollen. Ein egoistischer oder hedonistischer Gedanke? Nein, durchaus nicht, sondern der Versuch, sich in der Zeit einer bedrohlichen Heimsuchung oder des Todes an das Leben und seine Werke zu erinnern. Das Mittel bei Boccaccio sind Geschichten, die vom Leben erzählen – von der Liebe als Quelle allen Lebens.

Ein ewig aktuelles und ein wieder aktuelles Thema. Was ist zu tun in den kommenden Wochen, wenn es denn nicht viele Monate werden, in denen Theater und Opernhäuser, Konzertsäle und Museen geschlossen bleiben – in denen also das gesamte öffentliche Kulturleben zum Stillstand kommt? Zuerst ist wohl nicht darüber zu klagen, was uns alles entgeht, sondern an die Folgen für die Künstler zu denken: ob Schauspieler, Sänger und Instrumentalisten, die nicht durch staatliche oder städtische Verträge abgesichert sind. Die Zahl der Stars, um die wir uns nicht sorgen müssen, ist nicht sehr groß. Aber wie steht es um all jene, die schon in normalen Zeiten zu kämpfen haben. Wie endlich gehen wir selber mit diesen Verwerfungen um, damit, dass all jene fehlen, von denen wir uns die Zeit vertreiben lassen? Wie mit den plötzlich entstandenen Stunden der Leere?

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Zeit zuhause heißt Zeit für Musik.

(Foto: Public Domain)

Die Geschichten, die uns das Fernsehen erzählt, mögen die Zeit verkürzen, sind aber entschieden zu fad, als dass sie unsere Zeit zu füllen vermöchten – sinnvoll zu füllen. Wie wär’s also mit dem Vorschlag, von dem ich jüngst am Telefon von einem Freund hörte: jeden Morgen oder Abend ein Werk des Komponisten zu hören, der vor 250 Jahren geboren wurde? – nicht wieder nur die Zuckerstücke, sondern auch die weniger bekannten Werke und die Gelegenheitskompositionen. Welch eine Chance, wieder das Lesen zu lernen, und welch eine Chance, mit Muße zu hören und sich beim Hören wirklich in die Musik zu versenken und sie neu zu entdecken. Beim Dialog mit LvB – oder einem anderen Komponisten – werden wir auf uns selbst gestellt sein, werden wir unsere eigenen Programme zusammenstellen müssen. Der Publizist Johannes Gross hat einmal seinem Verleger eine Bewirtungsquittung für eine Flasche Champagner vorgelegt und auf die Frage nach seinem Gast gesagt:

»Auch für ein Selbstgespräch braucht man einen guten Partner.« ¶

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