Cookies und soziale Netzwerke erleichtern die Bereitstellung dieser Webseite. Mit der Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit dem Einsatz dieser Technologien einverstanden.
Weitere Informationen
THE SOCIETY OF MUSIC: 19. Februar 2020

Gesamteditionen, ein Segen?

Zurück
Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
19.02.2020

„Muss es sein?“ – die Antwort auf diese Frage ist der berühmteste kategorische Imperativ der Musik: „Es muss sein.“ Er steht, als musikalisches und schriftliches Motto, über den ersten Takten des Finalsatzes von Beethovens opus ultimum: dem Quartett F-Dur Opus 135 – wie eine entschlossene Antwort auf den Seufzer: „Der schwer gefasste Entschluss.“ Clemens Trautmann, der Präsident der Deutschen Grammophon, greift darauf im Geleitwort zur Gesamtedition von Beethovens Œuvre zum 250. Jubiläum des Komponisten zurück. Er schließt die für die Stimmungslage der Branche kennzeichnende Frage an, ob eine Gesamtedition im Zeitalter der vollständigen Verfügbarkeit weiterführende Erkenntnisse und Musikerlebnisse schaffen könne.

P0028948377367 1

Schon wieder eine neue CD-Box: Muss das sein?

Schon vor zwanzig Jahren hatte die DG zu ihrem 100. Firmenjubiläum eine 87 CDs umfassende Edition herausgebracht. Die Neue ist auf 118 CDs und zwei DVDs angewachsen – und auf drei Blu-Ray-Audio-Discs. Wie das? Sollte man vor zwanzig Jahren einige Kompositionen vergessen oder weggelassen haben, weil sie als nebensächlich galten, wie der der Kanon: „Es muss sein“? 

Der Auslöser von diesem: Der wohlhabende Wiener Musikliebhaber Ignaz Dembscher wollte im Sommer 1826 in seinem Hause ein Quartett von Beethoven aufführen. Auf die Forderung von 50 Gulden sagte er zürnend: „Wenn es sein muss.“ Die Reaktion des Komponisten war der Jux:

»Es muss sein, ja, ja, ja, heraus mit dem Beutel. Heraus, heraus, es muss sein.«

Dass in jedem Scherz eine Wahrheit verborgen ist, zeigt sich daran, dass Beethoven diese Worte kurz darauf in einem bedeutenderen Zusammenhang aufnahm. Nun wird kaum jemand nach der neuen Edition greifen, weil sie an die vierzig jener fröhlichen oder frechen Scherze enthält, die sich Beethoven auch über andere Gönner – „Bester Graf, Sie sind ein Schaf“ – erlaubte. Schon eher ist sie deshalb von Interesse, weil sie eine große Zahl der über 300 Werke und Werkfragmente enthält, die nicht in die Gesamtausgabe aufgenommen wurden – also die WoO (Werke ohne Opuszahl). Dazu gehören Jugendwerke aus der Bonner Zeit, wie die Kurfürsten-Sonaten des 13-jährigen Pianisten, oder die Anverwandlung von Violinsonaten Mozarts in Form von Klavier-Quartetten – das sind faszinierende Einblicke in die kompositorische Bildungsgeschichte, so wie kleinere Werke – Märsche, Walzer, Duos und Trios für diverse Instrumente, Bagatellen, Preludes, Rondos und Variationen - Einblick in die Werkstatt und den Alltag des Komponisten LvB vermitteln, der sich als wohlgelittener Virtuose in der Wiener Gesellschaft tummelte.

Vor allem aber: Sie ist eine Herausforderung, den nicht bekannten Beethoven, abseits der Hit-Symphonien, der Konzerte, der Sonaten mit verkaufstüchtigen Namen und Streichquartette zu entdecken. Angeregt durch einen „Musikverführer“, wie Eleonore Büning ihr Beethoven-Buch genannt hat, habe ich das Streichquintett C-Dur Op. 29 gehört, das womöglich am besten dafür bekannt ist, dass Beethoven wegen dieses Werks in einen Urheberrechts-Prozess verwickelt war, den er verlor. Diese Episode gehört zu den stereotyp sich reproduzierenden Episoden über den „geschäftstüchtigen“ Beethoven (Heraus mit dem Beutel!). Ich hörte das Quintett zum ersten mal, leicht beschämt bei dem Gedanken, wie oft und routinemäßig ich die Best-of-Beethoven-Stücke gehört hatte. Ende Januar wurde das Quintett bei der von der Bratschistin Tabea Zimmermann kuratierten Bonner Beethoven-Woche vom Armida Quartett gespielt. Wie über den Jubel und sich selber erstaunt, sagte Tabea Zimmermann:

»Ich kann das gar nicht begreifen, jetzt spiele ich seit dreißig Jahren Kammermusik auf allen möglichen Festivals und bin diesem Quintett noch nie begegnet. Ich bin wirklich schockiert darüber.«

Offenbar sind bestimmte Werke – oder auch das Œuvre Beethovens –unbekannt und deshalb auch nicht verfügbar. Sie sind zu finden für den, der eine Edition als eine Herausforderung begreift und sich in die Musik versenken will. Auf den über 120 CDs sind an die sechzigtausend Minuten Musik gespeichert, manche Werkgruppen mehrmals, woraus sich auch ein spannender Blick auf die Interpretations- und Rezeptionsgeschichte ergibt. Apropos „heraus mit dem Beutel“: vor sechzig Jahren hat die erste Gesamtaufnahme der Symphonien mit den Berliner Philharmoniker so viel gekostet, wie heute die Gesamtedition, in der die Karajan-Aufnahme auf einer einzigen Disc vertreten ist – wie auch die der Klaviersonaten mit Wilhelm Kempff und der Streichquartette mit dem Amadeus-Quartett. Kein schwerer Entschluß also zu sagen: „Es muss sein.“ ¶

2.000+ ausgewählte Videos
Regelmäßige exklusive Live-Konzerte aus aller Welt
Täglich neue Musik-Geschichten
Konzertführer
CD-Empfehlungen
Keine Werbung