KESTINGS FLASCHENPOST: KLEINE SCHULE DER GESANGSKUNST

George London: Von Göttern und Dämonen

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Es existiert kein Instrument, das sich der menschlichen Stimme vergleichen ließe, fand schon William Byrd. Ob uns ein Gesang anspricht oder nicht, ist meist schnell klar; aber schwer zu sagen, warum. Jürgen Kesting, takt1-Kolumnist und einer der international führenden Experten der Gesangskunst, führt hier in diesen „Flaschenposten“ in das kleine und große Einmaleins des Kunstgesangs ein. In loser Folge geht es ums Wesentliche: um technische Themen, um zentrale Werke, vor allem aber um große Sängerinnen und Sänger. Ihre Aufnahmen, nicht wenige mehr als hundert Jahre alt, sind Flaschenpost einer vergangenen Zeit, nicht selten lehrreich fürs Heute.

Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
31.08.2022

Die Klage darüber, dass einige Gesangsfächer so gut wie verwaist sind – etwa der Bass-Bariton für die Rollen von Göttern und Dämonen – wird von den Verteidigern des Opernbetriebs mit dem Argument zurückgewiesen, es handle sich um ein kritisches Klischee oder eine Verklärung der Vergangenheit. Doch sobald Aufnahmen eines „idealtypischen“ Sängers wieder erscheinen, wird an eine „Legende“ erinnert. Dabei sollte es eigentlich aber darum gehen, an Maßstäbe zu erinnern, wie sie – konkretes Beispiel – von George London gesetzt wurden, an den das Label Orfeo jüngst mit einer Sammlung erinnerte, die schon im Jahr 2000 veröffentlicht worden war. Über ihn sagte Birgit Nilsson, auch sie längst zur Legende verklärt:

»Ich hatte viele wunderbare Kollegen, die mich faszinierten. Da waren die mit den großartigen Stimmen, oder die feinen Musiker, oder die wunderbaren Schauspieler, oder die großen Persönlichkeiten. Aber George London – er hatte ALLES.«

London brachte zunächst die drei essentiellen Qualitäten mit, die Rossini von einem Sänger verlangte: „Stimme, Stimme und... Stimme.“ Es war ein bassig grundierter Bariton, der auch in der hohen Lage bis zum F machtvoll „ausladen“ konnte, ohne dass im Klang die tenoralen Elemente des Baritons hörbar wurden. Wenn er im Nil-Akt von Verdis Aida seine Tochter, die er wutrasend als „Sklavin der Pharaonen“ verflucht hat, die Reumütige besänftigt, bildet er die versöhnliche Pensa che un popolo vinto-Phrase mit einem einzigartigen, strömenden Klangfluss.

»Ciel, mi padre« aus Verdis »Aida«.

George London

George London

Das oben zitierte Diktum von Rossini würde missverstanden, würde es einfach nur beim Wort genommen werden, als gelte nur die Stimme und deren Eigenwert. Vielmehr geht es darum, ob ein Sänger aus dem Material der Stimme Gestalten formen kann, wie, wenn der Vergleich erlaubt ist, ein Bildhauer aus Marmor oder Ton – also plastische, physiognomisch unverkennbare Klanggestalten. Eine der eindringlichsten Anthologien Londons wurde unter dem Titel Of Gods and Demons veröffentlicht. Die Titel wurden zwischen 1951 und 1953 veröffentlicht, in der Zeit, als der aus Montreal gebürtige London in Wien für Furore sorgte, gerade bei jungen Besucherinnen, die seinen Don Giovanni unwiderstehlich fanden. Darunter findet sich nur ein einziger Gott: Wotan im Rheingold und in Die Walküre, in der Mehrzahl Dämonen wie der Mephisto in den Opern von Berlioz, Gounod und Boito, der Titelhelden von Rubinsteins Der Dämon und von Louis Gruenbergs Emperor Jones, uraufgeführt 1933 an MET mit Lawrence Tibbett. Es ist die Geschichte des Schaffners Brutus Jones, der, in den USA als Mörder gesucht, auf eine westindische Insel geflohen ist, sich dort zum Herrscher gemacht hat und schließlich die Rache der Unterdrückten fürchten muss. Die 75 Minuten der Oper handeln nur von der Flucht des Jones in den Urwald. Der Schauplatz der „Handlung“ ist im Kopf des Titelhelden: die Hölle von Erinnerungen und Angst-Phantasmagorien. In seinem Wahn sieht er Schwarze auf einem Sklavenschiff und stimmt – O Lord... Standin’ in the need of prayer – in deren Klagen ein. Wie einst Tibbett gelingt es London, das Wechselfieber von Angst- und Verzweiflungsausbrüchen in Klangfiguren sichtbar zu machen.

»O Lord… Standin’ in the need of Prayer« aus Louis Gruenbergs »Emperor Jones«

Der Earl of Harewood, lange Jahre Leiter der British Opera Company und einer der großen Connaisseurs des Singens, hat den jungen George London als dämonisch beschrieben:

»Ein Panther mit einem Klang in schwarz-violetten Farben, seine physische Präsenz verhieß Gefahr – und die Gelassenheit, all dies in den Fokus zu rücken.«

Als junger Sänger hat er in Wien Mozarts Figaro, Almaviva und Don Giovanni gesungen, aber auch den Boris, mit dem er später auch in Moskau gastierte. Zu seinen Rollen gehörten Wagners Holländer, Wotan und Amfortas, Borodins Fürst Igor und Tschaikowkys Onegin, die schon erwähnten Teufelsfiguren von Berlioz, Gounod und Boito; und Golaud in Debussys Pelléas et Mélisande und Scarpia in Tosca , endlich die vier Unheilsfiguren in Offenbachs Les Contes d’Hoffmann. Die vier Gesichter dieser Figuren sind in einer wenig bekannten Aufnahm unter Lee Schaenen (Wien, 1954) und in einem Mitschnitt aus der MET mit dem überragenden Nicolai Gedda unter Jean Morel förmlich zu sehen. In der sogenannten „Spiegel-Arie“ wird eigentlich ein Diamant besungen. London lässt nicht, wie es einige (tenorale) Baritone tun, am Ende der Arie die Stimme glänzen, sondern er ergeht sich in einer diabolischen Meditation, in welcher der Diamanten in den von Lord Harewood erwähnten purpurschwarzen Farben schimmert. ¶

»Scintille, diamant« aus Offenbachs »Les Contes d’Hoffmann«

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