KESTINGS FLASCHENPOST: KLEINE SCHULE DER GESANGSKUNST

Eines Tages seh'n wir

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Es existiert kein Instrument, das sich der menschlichen Stimme vergleichen ließe, fand schon William Byrd. Ob uns ein Gesang anspricht oder nicht, ist meist schnell klar; aber schwer zu sagen, warum. Jürgen Kesting, takt1-Kolumnist und einer der international führenden Experten der Gesangskunst, führt hier in diesen „Flaschenposten“ in das kleine und große Einmaleins des Kunstgesangs ein. In loser Folge geht es ums Wesentliche: um technische Themen, um zentrale Werke, vor allem aber um große Sängerinnen und Sänger. Ihre Aufnahmen, nicht wenige mehr als hundert Jahre alt, sind Flaschenpost einer vergangenen Zeit, nicht selten lehrreich fürs Heute.

Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
12.10.2022

Es gibt Begriffe, die so weit offen sind, dass jeder sich das Seine darunter vorstellen kann, auch wenn es um das Singen geht. Was ist – bezogen auf Partien – dramatisch, was heldisch, was lyrisch? In Kloibers Handbuch der Oper werden die unterschiedlichen Stimm-Typen bestimmten Rollen und deren spezifischen Anordnungen zugeteilt: Puccinis Musette, Verdis Gilda und Oscar dem lyrischen Koloratursopran; Mozarts Susanna und Pamina und Puccinis Liù dem lyrischen Sopran; Puccinis Mimì und Butterfly dem jugendlich-dramatischen Sopran. Arien aus diesen Partien – und Fächern – finden sich in einer Sammlung der aus Wien gebürtigen Sopranistin Lotte Schöne (1891-1977), die von vielen Connaisseurs als eine der herausragenden lyrischen Sopranistinnen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bewundert wird.

Lotte Schoene

Die Sopranistin Lotte Schöne.

(Foto: Wikimedia Commons)

Welche Qualitäten aber brachte sie als „Lyrische“ für Mimì und Butterfly mit? Vom Frauentypus her ist Cio-Cio San eine kindhafte femme fragile, vom vokalen Typus her, also der vokalen Faktur, aber eine dramatische Figur. Der Sehnsuchtsgesang der auf Pinkerton wartenden Butterfly – „Un bel dì vedremo – Eines Tages seh‘n wir“ – mündet in ekstatischen Phrasen, die con molto passione und con forza gesungen werden sollen und auf einem hohen B enden, largamente und fortissimo. Einige der besten Soprane aus der Ära des Verismo haben, zitiert in Lanfranco Rasponis wunderbarem Gesprächsbuch The Last Primadonnas, von einer „Killerpartie“ gesprochen. Und es gibt einige „Lyrische“, die für die Partie ihre Stimme geopfert haben. Welche Lösung gibt es für eine Sängerin mit einer zwar warm timbrierten, aber eher leichten und silbrigen Stimme?

Die Figur, die wir in den ersten Phrasen hören, ist von zarter (Klang-)Gestalt, die sehnsuchtsvoll in ihr Inneres singt, wie in einem Traum. In den expansiven Phrasen am Ende erleben wir keine stimmliche Expansion wie beispielweise bei Meta Seinemeyer, wohl aber eine seelische Entäußerung, aber ohne die Gefährdung durch Überforderung. Sie geht an die Grenzen der Stimme, aber nicht darüber hinaus – eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, solche Partien ohne Gefährdung auch auf der Bühne zu singen. Aber der Zauber ihrer Stimme wird umso stärker, je leiser sie singt. „Leise“ aber wieder in einem spezifischen Sinne – in dem von Dringlichkeit und Intensität. Wieder sei an die wunderbare Aufforderung Herbert von Karajans erinnert: „Pianissimo, pianissimo, aber singen Sie es fortissimo.“ – wie im Bittgesang der Liù an Karalaf: „Signore, ascolta“.

Damit noch einmal zur Ausgangsphrase: Was ist dramatisch? … was heldisch? … was lyrisch?

In der Oper des ausgehenden 17. und des 18. Jahrhunderts gibt es nur wenige Partien für „dramatische Stimmen“ im modernen Sinne. Der dramatische Ausdruck wurde vokalen Formeln anvertraut – wie etwa bei den Koloraturen der Königin der Nacht. Fülle und Kraft und Brillanz wurden erst später von Verdi und Wagner gefordert. Schon mit dem Wort „Durchschlagskraft“ wird bedeutet, dass die Stimme ein großes Orchester durchdringen muss. Das klingt an in einem wunderbaren Satz über Birgit Nilsson: 100 Musiker „bowing and blowing could not drown her“. Es sei aber nicht vergessen, dass die rein materiellen Qualitäten zwar für „thrill“ sorgen, nicht aber per se dramatisch sind. Der Rang von Sängern des dramatischen Fachs wird auch und gerade durch die Fähigkeit bestimmt, leise zu singen – leise verstanden als zart und inwendig. So wie der Rang von „lyrischen“ Sängerinnen und Sängern darin liegt, die Intensität seelischer Vorgänge erklingen zu lassen. Die Klage der Pamina aus Mozarts „Zauberflöte“ ist eine Szene von stärkster dramatischer Intensität: wenn die eigentlich positiv gestimmte Figur aus Verzweiflung einen paradoxen Ausweg sucht: den des Selbstmords. Sie steigt gleichsam in den Schacht ihrer Gefühle, um in deren Implosion das Leben aufzugeben. In der Aufnahme von Lotte Schöne werden Worte zu einem Klangspiegel der Seele. Wer den Text mitliest, mag winzige Unsicherheiten entdecken. Sie würden in heutigen Aufnahmen sicher herausgeschnitten werden. Aber vor knapp hundert Jahren – die Platte ist 1928 entstanden – mag man wohl der Ansicht gewesen sein, dass Richtigkeit nicht so wichtig war wie Wahrhaftigkeit. ¶

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