Kestings Flaschenpost: Kleine Schule der Gesangskunst

Ein ‚natural‘: Über John McCormack und tenorale Vollkommenheit

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Es existiert kein Instrument, das sich der menschlichen Stimme vergleichen ließe, fand schon William Byrd. Ob uns ein Gesang anspricht oder nicht, ist meist schnell klar; aber schwer zu sagen, warum. Jürgen Kesting, takt1-Kolumnist und einer der international führenden Experten der Gesangskunst, führt hier in diesen „Flaschenposten“ in das kleine und große Einmaleins des Kunstgesangs ein. In loser Folge geht es ums Wesentliche: um technische Themen, um zentrale Werke, vor allem aber um große Sängerinnen und Sänger. Ihre Aufnahmen, nicht wenige mehr als hundert Jahre alt, sind Flaschenpost einer vergangenen Zeit, nicht selten lehrreich fürs Heute.

Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
10.02.2021

Wenn es ein erstes Gebot für die Gesangskunst gibt, so lautet es: „Chi sa respirare sa cantare – wer weiß, wie man atmet, weiß wie man singt.“ Weiß also, wie ein Ton mit einem Minimum an Anstrengung und Druck in allen Graden der Dynamik auf dem Atem liegen kann. Ein Beispiel: John McCormack in der Arie „O Sleep, why dost you leave me“ aus Georg Friedrich Händels Semele. Es ist eine Phrase, die in vier Schritten aufs C, D, E und F führt. Die vier Zielnoten, punktierte Viertel, müssen nach einer kurzen Übergangsschleife mit sauberer Attacke angeschlagen werden, zugleich aber in der Linie eingebunden bleiben. Wie es dem irischen Tenor gelingt, von den Noten des Passaggio (D und E) in das Kopfregister zu springen, ist technisch phänomenal.

Hier heißt es gleichzeitig 'Attacke!' und sanfte Linie singen - McCormack schafft es!

McCormack hat die vier Takte der Arie aus Semele – mit einem Wort Wagners – auf einem „wohlverteilten Atem“ ausgeformt. Wenn es eine Platte mit einem vergleichbaren Beispiel einer auf einem Atem gesungenen, langsam aufsteigenden Phrase gibt, würde ich gern davon hören. 

Was die farbechte Formung der Vokale, die Genauigkeit der Attacke, das Sostenuto und das Portamento und endlich die Agilität angeht, ist er in vielen seiner Aufnahmen, über 800 hat er hinterlassen, der Vollendung so nahe gekommen, wie es nur vorstellbar ist. 

Der 1884 in Athlone geborene McCormack war das, was man in England einen 'natural' nennt: ein Tenor mit müheloser Tonproduktion und einem edel-silbrigen Timbre. Sein angeborenes Talent sicherte ihm 1904 beim Feis Ceoil, dem wichtigsten Musikwettbewerb seines Landes, den ersten Preis. Aber als er wenig später Caruso an der Covent Garden Opera hörte, spürte er, was ihm fehlte. Er ging nach Italien, erhielt bei Vincenzo Sabatini den technischen Schliff, machte zwei Jahre lang die ersten praktischen Erfahrungen in der italienischen Provinz (Almaviva, Edgardo, Alfredo, Cavaradossi), ging 1906 nach London zurück, debütierte 1907 an der Covent Garden Opera, wo er bis zum Beginn des Weltkriegs fünfzehn Rollen sang. Am 29. November1910sang er neben der Violetta von Nellie Melba bei seinem Met-Debüt den Alfredo. Da er sich auf der Bühne nicht wohl fühlte, er war ein ungelenker Darsteller, widmete er sich zunehmend dem Konzertgesang. Seine Ausstrahlung war so groß, dass er das New Yorker Hippodrom acht Mal pro Saison mit mehr als 5000 Besuchern füllte. Sein Repertoire bestand aus Balladen, Traditionals und Songs. Sein Gesang war das supreme Beispiel für eine Kunst, die jede Künstlichkeit verbirgt. In einem Lied wie „I hear you calling me“ – acht Mal aufgenommen!! – gelingt es ihm, einem endlos strömenden Pianissimo (messa di voce) die Intensität eines Forte zu geben.

Zu den schwarzen Perlen von McCormacks Diskographie gehört die Aufnahme von Ottavios „Il mio tesoro“ aus Mozarts Don Giovanni. Der Verlobte der Donna Anna wird, um nur Theodor W. Adorno zu zitieren, ein Bürschchen, hinter dem, wann immer er Donna Anna naht, überlebensgroß das Gesicht Giovannis erscheint. Joachim Kaiser hat dagegen die nur zu berechtigte Frage gestellt, ob nicht zu „Ottavios reiner Innigkeit mindestens so viel Courage gehört wie zum Leidenschaftsrausch“. In seiner zweiten Arie spricht Ottavio als Mann aus dem Adel eben die musikalische Sprache der Opera seria. Der Umfang der Arie reicht vom D bis zum A, der Schwerpunkt (Tessitura) vom F bis zum G. Bei den Intervallen in den Takten 10/11 („an-date“) oder in den Takten 15/16 („il-pianto“) gibt es keine Nahtstellen, die Töne werden präzise angeschlagen und bleiben immer in die Linie eingebunden. Das F (auf „Cercate“, Takte 17-19 und 58-60) sitzt perfekt im Fokus, wird dynamisch intensiviert und geht über in geschmeidig geformte Koloraturen. Die in die Reprise führende Koloratur-Passage (Takte 43 bis 48) singt er auf einem Atem, wobei er das Ritardando vor dem Übergang beachtet. Jede Sechzehntel in den Quartolen-Ketten sind genau definiert und doch gereiht wie Perlen auf einer Schnur. Der Dirigent Felix Weingartner meinte, McCormack sei der einzige gewesen, der sie richtig gesungen habe: elegant und zeremoniell in ihrem üppigen Koloratur-Dekorum, beherrscht im Ausdruck – mit der Affektkontrolle, die von einer Figur des Ancien Régime erwartet wurde. ¶

Wichtige Töne im Fokus, dabei stets geschmeidig: McCormacks Ottavio.

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